Stanley G. Payne: A History of Fascism, 1914-1945. XIV + 613 S., The University of Wisconsin Press, Madison 1995.

 

Paynes neues Buch liefert nicht nur detaillierte Darstellungen des Aufstiegs und Niedergangs der wichtigsten europäischen Faschismen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (Italien, Deutschland, Österreich, Spanien, Ungarn und Rumänien, S.7 l-289) sowie einen prägnanten Überblick über die Entwicklung der kleineren klassisch faschistischen Parteien in- und außerhalb Europas (Japan, China, Südafrika, Lateinamerika, USA, S. 290-354). Einleitend stellt der Autor ebenfalls eine erhellende Typologie des rechten antidemokratischen politischen Spektrums des Zwischenkriegseuropas vor (S. 3-19) und skizziert facettenreich den spezifischen sozialen, kulturellen und politischen Hintergrund des Aufkommens protofaschistischen Denkens um die Jahrhundertwende sowie die Entstehung von organisiertem Faschismus als ein Ergebnis des Ersten Weltkrieges (S.23-79). Zudem faßt ein kürzerer, zweiter Teil, ,Interpretation" (S. 441-495), den heutigen Stand in der Faschismusforschung, insbesondere in bezug auf die Beziehung von Faschismus zu Modernisierungsprozessen, die im Laufe der Jahrzehnte entwickelten verschiedenartigen Konzeptionalisierungen und kausalen Erklärungen, zusammen und stellt kurz Paynes "retrodiktive Theorie des Faschismus` vor. In einem Epilog überfliegt der Autor abschließend die Entwicklung des deutschen, italienischen und französischen Neofaschismus und bespricht kurz einige Spielarten von heutigem afrikanischen, japanischen, mittelöstlichen, indischen und russischen Ultranationalismus (s. 469-520). Payne kommt zu dem Schluß, daß zwar "der spezifische historische Faschismus niemals wiedererschaffen werden kann. Jedoch wäre es möglich, daß wir am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts Zeugen eines Aufstiegs neuer und teilweise ähnlicher Formen von autoritärem Nationalismus, insbesondere in Osteuropa, Afrika und Asien, werden". (S 52O). Wie anschließend noch einmal in der über fünfzigseitigen Bibliographie deutlich wird, stellt dieses Buch die eindrucksvolle Bilanz der jahrzehntelangen Studien eines der bedeutendsten Faschismustheoretiker und Erforschers des südeuropäischen Faschismus dar. Der Leser verfügt damit über "eine Art Enzyklopädie des Faschismus" (A. James Gregor), die noch lange die wissenschaftliche Diskussion entscheidend mitbestimmen wird.

Trotzdem Payne alle wichtigen Aspekte von Faschismus und seiner bisherigen Historiographie erschöpfend bespricht, erscheinen einige seiner Ausführungen insofern nicht voll befriedigend, als deren Interdisziplinarität, Umsicht und Vielseitigkeit teilweise mit einem Mangel an Konkretheit, Präzision und Falsifizierbarkeit erkauft werden. Ein Beispiel ist Paynes knappe, jedoch umfassende "retrodiktive Faschismustheorie". Der Autor listet zwar offenbar lückenlos sämtliche kulturellen, politischen, sozialen, ökonomischen und internationalen Faktoren, die Faschismus begünstigen, auf (S.489). Allerdings hätte die Theorie noch an Informationsgehalt gewonnen, wenn notwendige und ausreichende Bedingungen hierarchisiert, gemäß ihrer funktionalen Äquivalenz klassifiziert und in einem explanatorischen Schema synthetisiert worden wären.

An anderer Stelle hat der Autor die zuvor schon in seiner kurzen, früheren richtungsweisenden Monographie "Fascism: Comparison and Definition"(l980) entwickelte Checkliste zur Identifizierung von Faschismus um eine kürzere Definition ergänzt. Faschismus ist demnach "eine auf nationale Wiedergeburt zielende Form von revolutionärem Ultranationalismus, die sich auf eine primär vitalistische Philosophie stützt, durch extremen Elitismus, Massenmoblisierung und das Führerprinzip strukturiert wird, Gewalt sowohl als ein Ziel als auch als ein Mittel positiv bewertet und dazu tendiert Krieg und/oder militärische Tugenden zu normativieren (to normatize) (S.14). Damit scheint der Autor teilweise einem Ansatz des von ihm häufig affirmativ zitierten britischen Faschismustheoretiker Roger Griffin (vgl. NPL, Jg. 41, 1996j, S.283-284) zu folgen (was in einer Fußnote hätte bemerkt werden können). Obwohl diese Definition die wichtigsten Charakteristika von Faschismus beispielhaft komprimiert, wäre eine ergänzende, explizit definierte Taxonomie betreffs solcher Ultranationalismen, die nicht alle, jedoch einige wesentliche der aufgeführten Kriterien erfüllen, zu begrüßen gewesen. In diesem Falle hätte, zusätzlich zu den klassfikatorischen Schemata für das rechte Zwischenkriegsspektrum und die faschistischen Regime, eine weitere nomothetische Typologie von Prä-, Proto, Semi-, Krypto-, Quasi-, Post- und/oder ParaFaschismen beziehungsweise von ideologischen Hybriden entwickelt werden können. Dies hätte zum Beispiel Paynes Betrachtungen zu Neofaschismus mehr Klarheit verliehen. So bleiben seine Einschätzungen von nicht-neonazistischem Nachkriegsrechtsextremismus, unter anderem der französischen nouvelle droite (S.510) oder von Saddam Husseins Regime (S. 516-517), stellenweise vage.

Unverständlich ist, daß Payne an einer Stelle ausdrücklich eine scharfe Trennlinie zwischen Variationen von rechtem (rightist) Autoritarismus einerseits und Faschismus andererseits zieht (S. 18). Wenn Payne dabei "rightist" als Synonym für "konservativ" versteht, wäre seine Zwischenkriegskategorie "Conservative Right" eine Tautologie. Wenn er auf der anderen Seite die quasi-linken (leftist) Elemente in der faschistischen Ideologie, wie Kollektivismus und Pseudosozialismus, im Auge hat, so wäre darauf zu verweisen, daß beispielsweise russischer Konservatismus spätestens seit dem Aufkommen des Slawophilentums ebenfalls derartige scheinbar "linken" Züge trägt. (Die Konstruktion "linker Konservatismus" wiederum ist - zumindest außerhalb eines wohlfahrtsstaatlichen Kontexts - ein contradictio in adjecto.) Faschismus sollte als eine spezielle Form von Rechtextremismus konzipiert werden, wie unter anderem die von Payne beschriebenen häufigen Allianzen zwischen faschistischen und anderen antidemokratischen rechten Gruppierungen und deren gelegentliche Verschmelzung zu indizieren scheinen.

Insbesondere aus deutscher Sicht schließlich ist zu kritisieren, daß Payne seine Beschreibung und Interpretation des Holocaust auf weniger als drei Seiten beschränkt (S. 380-382). Zwar könnte der Autor auf die in seinen Fußnoten aufgeführte umfangreiche Sekundärliteratur verweisen. Es wäre jedoch auch aus faschismustheoretischer Sicht sinnvoll gewesen, hier mehr Raum zu opfern. Das, wie Payne selbst andeutet, enorme militärische und andere Ressourcen verschlingende Vernichtungsprogramm stellt eine schauerlich klare Illustration dafür dar, welche Bedeutung Ideologie für das einzige voll entwickelte faschistische Regime bis in die letzten Tagen seiner Existenz hatte.

 

Stanford, Andreas Umland

 

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