Roland Peter: Rüstungspolitik in Baden. Kriegswirtschaft und Arbeitseinsatz in einer Grenzregion im Zweiten Weltkrieg. 405 S., Oldenbourg Verlag, München 1995.

 

"Das Nebeneinander, Übereinander und Durcheinander der verschiedenen Organisationsformen hat zum Teil solche Verwirrung hervorge rufen, daß selbst mit dem besten Willen ausgerüstete und klardenkende Menschen sich nicht mehr zurechtfinden können".

Mit diesen Worten kritisierte der Teninger Fabrikant Emil Tscheulin 1940 die Situation der Wirtschaft im NS-Staat. Der Aluminiumindustrielle wußte, wovon er sprach, denn als langjähriger Präsident der Industrie- und Handelskammer Freiburg war er Insider des wirtschaftspolitischen Apparats.

Wie sich die nationalsozialistische Rüstungspolitik und der Kompetenzwirrwar zwischen zivilen, militärischen und Parteiinstitutionen verschiedener Hierarchieebenen auswirkten, untersucht Roland Peter am regionalen Beispiel in seiner Freiburger Dissertation. Die klar gegliederte und sehr lesbar verfaßte Studie profitiert von einer günstigen Quellenlage. Neben der staatlichen Überlieferung vor allem des badischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums konnten auch Akten verschiedener Arbeitsämter, Unterlagen der Rüstungsinspektionen und Rüstungskommandos, Parteiunterlagen, vereinzelte Firmen- und Handelskammerbestände sowie Entnazifizierungsakten ausgewertet werden.

Der Autor kann zeigen, wie die geopolitische Randlage Badens unter den Bedingungen nationalsozialistischer Rüstungs- und Kriegspolitik für die Wirtschaft des Landes immer fühlbarer zum Hemmschuh wurde. Vor allem die militärischen Entscheidungsträger hatten aus sicherheitspolitischen Bedenken lange gezögert, die badische Wirtschaft in das Rüstungsprogramm zu integrieren, so daß die badischen (Rüstungs)betriebe bei der Auftragsvergabe ebenso wie beim Arbeitskräfteeinsatz lange das Nachsehen hatten. Noch im Krieg setzte sich das fort. Bis zur Besetzung Frankreichs im Sommer 1940 gingen Rüstungsaufträge in Baden nur zögerlich ein, während das Land als Menschenreservoir für Wehrmacht und innerdeutsche Rüstungsindustrie herhalten mußte. Ganze Großunternehmen wie die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik in Karlsruhe wurden darüberhinaus auf Anordnung aus Berlin samt ihrer Belegschaft bei Kriegs- beginn ins Reichsinnere "verlagert". Das dabei zutage tretende Planungschaos löste nicht nur Mißmut bei den Betroffenen aus, sondern rief nun zusätzlich einen Gaupartikularismus der regionalen NSDAP-Instanzen auf den Plan. Die Karlsruher Gauleitung verstand es, sich gegenüber einer in Mißkredit geratenen Reichspolitik zum Sachwalter der Interessen der Bevölkerung zu stilisieren, indem sie allen weiteren Verlagerungsplänen der Reichszentrale erfolgreichen Widerstand entgegensetzte (S. 99). Die polykratische Herrschaftsstruktur des Regimes erwies sich damit - wie Roland Peter betont - nicht nur als effizienzmindernd, sondern auch als herrschaftsstabilisierend (S. 366).

Peter beläßt es nicht bei einer Untersuchung der Wirtschaftspolitik im engeren Sinne. Er interessiert sich auch für die sozialen und politischen Wirkungen wirtschaftspolitischer Entscheidungen auf Unternehmensebene. Umfangreiche Teile seiner Darstellung gelten daher dem Arbeitseinsatz im Krieg, den Stillegungsaktionen gegen die Konsumgüterindustriel den z. T. äußerst repressiven betrieblichen Maßnahmen zur Leistungssteigerung, dem Fraueneinsatz in der badischen Kriegsindustrie und der Situation von ausländischen Zwangsarbeitern. Damit liefert der Autor einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Wirtschafts-, Sozial- und Militärgeschichte des Nationalsozialismus aus regionaler Perspektive. Immer wieder macht sein Buch deutlich, wie dringend wünschenswert ähnliche Untersuchungen zu anderen Regionen sind. Erst der überregionale Vergleich könnte nämlich Aufschluß darüber geben, ob tatsächlich zutrifft, was Roland Peter voraussetzt: daß die ökonomische Benachteiligung der Grenzgebiete nach 1933 primär auf politischen Entscheidungen der NS-Zeit beruhte (S. 365). Denkbar wäre immerhin auch, daß lange vor 1933 angelegte Modernisierungsdefizite sich unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Rüstungspolitik erstmals fühlbar bemerkbar machten und nun - in einer partiell verstaatlichten Wirtschaft wegen des militärischen Bedrohungssyndroms vieler Entscheidungsträger - nicht mehr korrigierbar waren.

 

Tübingen, Cornelia Rauh-Kühne

 

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