Henry Petroski: Messer, Gabel, Reisverschluss. Die Evolution der Gebrauchsgegenstände. 344 S., Birkhäuser Verlag, Basel/Boston/Berlin 1994.

 

Dieses Buch zu besprechen und zu würdigen fällt nicht leicht Dem Anspruch der Verlagswerbung, ,"ein witziges, amüsantes und zugleich höchst informatives Sachbuch über die Geschichte der alltäglichen Gebrauchsgegenstände" zu sein, wird es gerecht - wenn und nur wenn man dabei nicht mehr erwartet als eine Fülle von historisch aufgemachten Anekdoten und Apercüs über die Dinge, mit denen wir tagein, tagaus zu tun haben: Messer, Gabel, Reißverschluß, Heftklammer, Sicherheitsnadel, Cola-Büchse und anderes mehr. Petroski, seines Zeichens Professor für Ingenieurwissenschaften an der Duke University, USA, präsentiert sein reiches Wissen in einem leicht zu konsumierenden, unterhaltsamen Plauderton, und die drucktechnische und buchbinderische Aufbereitung all seiner Kenntnisse läßt keine Wünsche offen; mancher Geistes- oder Sozialwissenschaftler kann von einer solchen Verpackung der Früchte seines Strebens nur träumen.

Damit ist das Beste über dieses Buch auch schon gesagt. Alles, was noch zu folgen hat, ist unerquicklich und sei daher kurz gehalten. Seine zentrale These folgt der Formel: "Form follows failure", die Petroski (warum?) als Umkehrung des verbreiteten Diktums verstanden wissen will, wonach Form und Design technischer Artefakte funktionsbedingt seien ("Form follows function"). Die Geschichte der Alltagsgegenstände ist also keine Erfolgsgeschichte der kontinuierlichen Weiterentwicklung, sondern eine Kette von verzweifelten Versuchen, fehlerhafte Artefakte zu perfektionieren, die doch nur immer wieder neue Defekte zeitigen. Die Ergründung des Zusammenhangs "von kulturellen Bedürfnissen, technischer Funktion und ästhetischer Form" (Klappentext) reduziert sich für Petroski letztlich auf die Reproduktion jenes Zirkelschlusses von George Basalla, wonach "jeder neue Gegenstand, der in der erschaffenen Welt auftaucht, auf irgendeinem schon vorhandenen Gegenstand basiert" (S. 14).

Eine Kulturgeschichte von Messer, Gabel und anderen Alltagsgegenständen hätte man auch ganz anders schreiben können, etwa indem man nach ihren gesellschaftlichen, z.B. distinktiven Funktionen fragte wie dies auf unterschiedliche Weise Norbert Elias oder Thorstein Veblen getan haben. Aber auf ein solches Buch müssen wir noch warten.

 

Konstanz, Thomas Kühne

 

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