Christian Pfister (Hg. unter Mitarbeit von Peter Bär): Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Mit einem Vorwort von Bundesrat Adolf Ogi. 428 S., Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 1995.

 

Was ist das "l950er Syndrom"? Der Begriff Syndrom, in der Medizin ein Krankheitsbild, welches durch das Auftreten einer Gruppe von Symptomen charakterisiert ist, wird vom Herausgeber "auf den ökonomischen und sozialen Sektor ausgedehnt" (S.58) und dient im hier entfalteten Zusammenhang als Metapher für die "seit 1950 anhaltende Wachstumsbeschleunigung" (S.57) in den Industrieländern. Dieses Datum teile die Geschichte. Während sich bis dahin Europa "noch auf einem umweltverträglichen Entwicklungspfad bewegte" (S.65), müsse für die danach folgende Entwicklung eine gigantische Verschwendung der Rohstoffressourcen konstatiert werden.

Der wichtigste weltwirtschaftliche Grund dafür liege in der enormen relativen Verbilligung der fossilen Energieträger, vor allem des Erdöls, durch die während des Zweiten Weltkriegs entdeckten riesigen Vorkommen im Mittleren Osten. Als Folgewirkungen werden genannt das wachsende Bruttoinlandprodukt, der immer weiter zunehmende Flächenbedarf von Siedlungen und das steigende Abfallvolumen sowie die beklagenswerte Schadstoffbelastung von Luft, Wasser und Boden; die "Gesamtheit der damit einhergehenden tiefgreifenden Veränderungen der Produktions- und Lebensweise" (5.23) werden schon im Untertitel des Bandes begrifflich zur "Konsumgesellschaft" verdichtet.

Um die These des "1950 er Syndroms" herum hat die 1985 gegriindete Akademische Kommission der Universität Bern ein interdisziplinär angelegtes Forschungsprojekt, eine öffentliche Vortragsreihe und ein Symposium (1994) mit Teilnehmern aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Wirtschaft initiiert, deren mehr als zwei Dutzend Referate im hier vorgestellten Band präsentiert werden. Das Spektrum reicht dabei von der weltgeschichtlichen Verortung des "1950er Syndroms" über Beiträge zur Energiewirtschaft, Gesellschaft und Politik bis zum Wertewandel. Ziel dieser Berner Initiative ist die Bereitstellung neuer Argumente und Daten für die öffentliche Diskussion, die zur "Einleitung eines Kurswechsels in der Energie- und Umweltpolitik beitragen" könnten (Vorwort, 5.14).

So sympathisch dieses Ziel angesichts eingetretener und drohender Umweltkatastrophen fraglos ist, so schwierig ist es, aus geschichts-wissenschaftlicher Sicht zu diesem Unternehmen Stellung zu beziehen. Zwei Punkte erscheinen dem Rezensenten in dieser Hinsicht besonders problematisch, die hier nur knapp benannt werden können. Zum einen: Sicherlich wird mit dem Erdöl als jedenfalls in diesem Ausmaß) neuer Energiequelle und der erdölverarbeitenden Chemie sowie der Automobilindustrie als Leitindustrien der 50er Jahre ein wesentlicher Faktor des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg benannt. Die hierzu zusammengetragenen empirischen Daten sind nützlich, wie auch die sonstigen statistischen Informationen. Aber die weltwirtschaftliche Konstellation, die zu diesem Boom als Synthese von Rekonstruktion im Krieg zerstörter Werte und wirtschaftlich tiefgreifender Modernisierung führte, ist zweifellos komplexer, als es die im Band an zahlreichen Stellen vorgetragene Kausalität suggeriert, die eigentümlich ökonomistisch anmutet. Marco Hüttenmoser weist in seinem Beitrag über die Auswirkungen des "1950er Syndroms" auf den Alltag der Kinder auf einen Aspekt hin, der damit verdunkelt wird. Wenn man etwa auf die "Überflutung der Kinderzimmer mit Plastikspielsachen" (S.265) als Folge der expandierenden erdölverarbeitenden Chemie hinweise, dürfe nicht vergessen werden, daß zur Herstellung eines Produkts auch dessen Promotion gehöre, etwa durch das aufkommende Fernsehen. Die Dimension eines "Strukturwandels der Öffentlichkeit" (Jürgen Habermas) durch die elektronischen Massenmedien prägt als erstrangiger Faktor sicherlich eben sosehr die Signatur der Nachkriegszeit wie die Energiewirtschaft.

Zum anderen wird das "l95Oer Syndrom" in den Beiträgen stellenweise zu einem Konstrukt, welches der zeithistorischen Realität weder der Schweiz und schon gar nicht Westdeutschlands und Westeuropas, die hauptsächlich als Bezugsgrößen angesprochen werden, entspricht. Die Konsumgesellschaft als neue Lebensweise, die "in ihren materiellen Grundstrukturen anhand der Dreiheit von Automobil, Wohnbautätigkeit und Haushalttechnik" (5.73) nachzuzeichnen sei, hat es in Westeuropa überhaupt erst in Ansätzen am Ende des Jahrzehnts gegeben, wiederum aber früher in den USA. Dies illustriert übrigens sogar die aus älteren volkswirtschaftlichen Veröffentlichungen entnommene Abfolge von "Konsum-wellen" für Nahrungs- und Genußmittel vom Anfang der 50er Jahre bis 1961, für Verkehr und Nachrichtenübermittlung von 1962 bis 1970 und für Reisen und Haushaltsführung von 1971 bis 1974 (S.74), die es realhistorisch so allerdings auch nicht gegeben hat.

Alles in allem dokumentiert der Band einen interessanten Versuch, Gesellschaftsgeschichte vom Fokus der gegenwärtigen Umweltproblematik her zu schreiben, ein Versuch, der aber trotz einer Fülle nützlicher empirischer Materialien auch die Probleme einer solchen reduzierten Perspektive verdeutlicht.

 

Hamburg, Axel Schildt

 

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