Ulrich Raulff: Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch. 510 S., Fischer, Frankfurt am Main 1995.

 

Eine Biographie von herkömmlichem Zuschnitt ist dieses Buch nicht. Nur die allernotwendigsten "Stichworte zum Lebenslauf' (460 f.) sind dem Haupttext als Beigabe angehängt. Wer sich für die Vita Mare Blochs interessiert, wird deshalb weiterhin Carola Finks Monographie von 1989 zu konsultieren haben. Dort ist im einzelnen nachzulesen, daß Marc Bloch im Ersten Weltkrieg Nachrichtenoffizier war, daß seine wissenschaftliche Laufbahn als Mittelalter- und Wirtschaftshistoriker erst in Straßburg, dann in Paris in die Zwischenkriegszeit fällt und daß er 1944 wegen seiner Aktivitäten in der Resistance von der Gestapo ermordet wurde. Was sich weder bei Fink noch in der sonstigen Bloch-Biographik und ebensowenig in den wissenschaftsgeschichtlichen Arbeiten zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet, ist, wie der wissenschaffliche Denker Bloch seine lebensweltlichen Erfahrungen als Militär und politischer Bürger in seine Historie hat einwirken lassen und wie diese Historie "mit allen und nicht nur mit den wissenschaftlichen Formen des Wissens in einer Gesellschaft kommuniziert" (23). Ulrich Raulff hat es unternommen, den Ablagerungsprodukten dieser Vernetzungs- und Reibungsprozesse in den Werken Blochs auf die Spur zu kommen. Es ist ihm auf ingeniöse Weise gelungen.

Was bisher nur vermutet wurde, daß nämlich Blochs Bruch mit dem Positivismus, seine Grundlegung der historischen Erkenntnis und die spezifische Art seiner Fragestellung in irgendeiner Weise mit seinen Kriegserfahrungen zusammenhängen liegt jetzt offen zutage. Als Aufklärungsofflzier kam Bloch mit modernen Nachrichtentechniken in Kontakt, die seinen kritischen Sinn in vielfacher Weise schärften. In verkürzter, das vorsichtig kontextualisierende Vorgehen Raulffs geradezu entstellender Form: Geschichte wurde zu einer Beobachtungswissenschaft, denn in der Leere des Schlachtfelds kam es darauf an, richtig zu sehen, um die Hinweise auf Menschen und Objekte wahrzunehmen. Die Sequenzen von Luftphotographien führten Bloch die Prozesse der Dynamik von Stillstand und plötzlicher Zerstörung vor Augen - Geschichte verstand er später als Wissenschaft von der Veränderung. Und selbst Blochs ,futurisch orientierte' Geschichtsauffassung - eine, die nicht nach Ursprüngen fragt, sondern Ereignisse aus einer antizipierenden Perspektive betrachtet - scheint im Feld ihre Grundlegung gefunden zu haben. All das breitet Raulff minutiös aus; am Ende des 2. Kapitels weiß man mehr darüber, was den Historiker mit dem Schlachtenlenker eint.

Raulff räumt auf mit den Behauptungen, Bloch sei apolitisch gewesen, und das gründlich. Am sichtbarsten wird dies in Blochs Buch über die "Seltsame Niederlage" Frankreichs 1940, in der er u.a. eine "Autopsie" der politischen Kultur seiner Zeit vornahm (Kap. 1). Im Gegensatz zu vielen seiner Historiker-Kollegen in Frankreich und Deutschland beteiligte sich Bloch jedoch nicht an der Schulddebatte von Versailles (sein Schweigen kann Raulff S.244 f. bestens erklären), wie er überhaupt weit davon entfernt war, sich zum Richter über die Vergangenheit aufzuschwingen. In Kapitel 3 führt Raulff vor, wie Blochs Selbstbeschreibung als "juge d'instruction" an erster Stelle zu begreifen ist: als das "Bild vom Historiker, der wie ein Untersuchungsrichter Indizien sammelt und Beweise prüft, damit das Urteil, welches am Ende ein anderer fallen wird: der handelnde Mensch, der homo politicus, nicht zum Fehlurteil werde" (218).

Blochs Politiken schlugen sich vor allem in seiner wissenschaftlichen Programmatik und Pragmatik nieder. Der Organisator im Widestand war zugleich ein Organisator des Wissenschaftsbetriebs, der auf dem Internationalen Historikertag 1928 in Oslo zur Verständigung auflief; sein Verständigungsvorschlag: eine vergleichende europäische Sozialgeschichte. Und die Kühnheit von Blochs Handeln korreliert mit seiner "Kühnheit des Denkens" (178). Diese Facetten der Persönlichkeit Blochs stellt Raulff nicht einfach parallel nebeneinander. Das "intellektuelle Portrait", das er zeichnet, zeigt vielmehr einen Historiker, dessen Ethos als Forscher konstitutiv mit seinen außerwissenschaftlichen Werthaltungen verknüpft war.

Selbst in Blochs großen Werken über das Mittelalter (Die Feudalgesellschaft, Les rois thaumaturges) finden sich neben "Einschüsse[nJ von Aktualität" (275) auch Spuren seines politischen Denkens, freilich nur in vielfach gebrochener Weise. Das Echo des Politischen schallt hier in einer anderen Sprache, denn Geschichtsschreibung spiegelt, in den Worten Raulffs, die Erschütterungen und Krisen - hier: die der Zwischenkriegszeit - nicht wider. "Sie verarbeitet sie vielmehr auf spezifische Weise, sie übersetzt sie in Stile der Problematisierung, der Forschung und der Darstellung. Auch wenn sie nicht explizit politische Geschichte treibt, spricht die Historie von der Politik - in ihrem speziellen Idiom." (21) Im 4. Kapitel, es stellt eine interpretatorische Meisterleistung dar, hat Raulff diese sublimen Prozesse der Verarbeitung anhand von Blochs Studie über die wundertätigen Könige exemplarisch aufgedeckt.

"Das wirklich Interessante und Neuartige der Blochschen Historie" liegt nach den Beobachtungen von Raulff in ihrem eigentümlichen Stil der Bearbeitung historischer Stoffe (27). Ähnliches gilt auch für sein eigenes Buch. Eigenwillig ist schon Raulffs Lektüre der Blochschen Werke (auch die Fragmente im Nachlaß hat er gesichtet und verarbeitet), die er gegen den sonst üblichen Strich liest, wobei er zu Einsichten von erstaunlicher Tiefenschärfe gelangt (besonders bei der "Seltsamen Niederlage" und den Rois thaumaturges). Raulff segmentiert die Texte nicht, ebensowenig extrahiert er die einzelnen Thesen, um diese dann separat abzuhandeln. Wie Bloch selbst und gleich dem Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg - deren Schriften Raulff zuvor "parallel gelesen" hat - heftet sich Raulff vielmehr ans Detail, etwa an eine auf den ersten Blick abseitig anmutende ikonische Darstellung (Blochs Exlibris, Kap. 5 zur Thematik "Handwerk, Arbeit und Technik"), einen mehrfach auftauchenden Schlüsselsatz (Wer die Königsweihe in Reims und das Bundesfest nicht ,fühle', verstehe nichts von der Geschichte Frankreichs, Kap. 4) und an Metaphern wie die vom Weltkrieg als Labor der Historie (Kap. 2) oder die vom Historiker als Untersuchungsrichter (Kap. 3). Diese verdichteten Außerungen Blochs sind nicht nur steter Bezugspunkt der Darstellung, sie haben für Raulff erkenntnisleitende Funktion. Er spricht ihnen leitmotivischen Charäkter zu und knüpft an sie seine Fragestellungen. Wie er semantische Schichten freilegt, diskursive Bezüge herstellt, wieder und wieder neue Lesarten vorschlägt (Raulif sprüht vor Gedanken), einige davon favorisiert, andere verwirft - das macht den Charme dieses Buches aus.

Auch die Komposition ist eigenwillig. Nur selten handelt Raulff seine Themen en bbc und endgültig ab. Er läßt sie fallen, um sie später aus veränderter Perspektive neu zu beleuchten. Eingeschoben sind weitschweifige Ausführungen, Skizzen von Aspekten, die zunächst marginal erscheinen und sich dann doch als bedeutsam erweisen (vgl. etwa 358 if. mit 459 zur Figur König Salomos). Diese Darstellungsweise verlangt dem Leser Geduld und Aufmerksamkeit ab. Sie aufzubringen füllt in der Regel nicht schwer, denn Raulff verfügt über eine gute, ja brillante Schreibe, die sich essayistisch gibt, ohne ins Unverbindliche abzugleiten. Meist folgt man ihm deshalb gern, wenn er, ausgehend von den im Zentrum stehenden Denkfiguren und Metaphern, die Peripherie nach unterschiedlichen Seiten hin abtastet und dabei diskursive Konstellationen mal belegt, mal - als "Gedankenexperiment" - imaginiert. Doch zuweilen wirken die Möglichkeiten seiner "Progression qua Digression" (13) ernüchternd, etwa dann, wenn die Antwort auf die Frage, wozu denn die Historie diene (sie bildet den Aufhänger von Blochs "Apologie der Geschichte"), eben doch nicht so spektakulär ausfällt, wie es Raulffs Auslassungen über die ,mystische Weinkelter' sowie die Tradition der jüdischen Propheten erwarten lassen (421 if.).

Natürlich bleiben auch in Raulffs Studie einige Aspekte unterbelichtet, andere gänzlich ausgeblendet. Daß Bloch den Eintritt in die Moderne der "Einstein-Welt" vollzogen habe (180), macht er zwar hinreichend plausibel. Bestens gestützt hätte es seine These jedoch, wäre sie durch einen Hinweis auf Blochs Kenntnis der Quanten- und Relativitätstheorie untermauert worden. Ob sich Bloch durch Max Webers Theorie der historischen Erkenntnis inspirieren ließ, steht weiterhin zur Diskussion. Wissenschaftssoziologische Analysen á la Bourdieu seien unzureichend, wird eingangs festgestellt (25). Von dieser Einschätzung her rührt es, daß der Raulffsche Bloch zu einem Mann gerät, der seine Bahnen losgelöst von zweifellos vorhandenen institutionellen und professionellen Zwängen zieht. Auch Verbindlichkeiten persönlicher Art interessieren Raulif nicht. Lucien Febvre, Blochs Freund, wissenschaftlicher Weggefahrte und Mitherausgeber der Annales, taucht zwar des öfteren auf, doch seine Rolle bleibt irritierend blaß. Der Diktion nach scheint Raulff dessen Selbststilisierung als Blochs Mentor untergraben zu wollen. Aber wieso und bis zu welchem Grad er ihn "zurechtstutzen" will, bleibt ungesagt. Hier hätte man sich eine klare Stellungnahme gewünscht.

Angesichts des beeindruckenden Panoramas an interdisziplinären und sozial- bzw. kulturwissenschaftlichen Bezügen (Geographie, Ökonomie, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Zeugenpsychologie etc.; besonders Fustel dew Coulanges, Durkheim und Mauss kommen ausführlich zu Wort), das Raulff entfaltet und vor dessen Hintergrund er nicht Blochs Oeuvre, sondern stets einzelne konkrete Theoreme lokalisiert, wiegen diese Einwände verschwindend gering. Sie werden zudem aufgewogen durch eine Fülle wichtiger Einzelbeobachtungen. Raulff ruft in Erinnerung, was Mentalititengeschicbte mit Bloch einmal war, bevor sie sich ins Dasein einer Spartendisziplin verabschiedete: nicht ein Ansatz unter vielen, sondern gleichsam die Brille, durch die betrachtet das Handeln historischer Subjekte überhaupt erst erklärbar wird (252 f.). Er zeigt den immensen Stellenwert der Dreyfus-Affaire für mindestens zwei Historikergenerationen in Frsnkreich oder erörtert das "Ereignis Nietzsche" in seiner Bedeutung für die unterschiedliche Ausrichtung historiscb-anthropologischer Forschungsansätze diesseits und jenseits des Rheins.

Ein Mittelalterhistoriker auf der Höhe seiner Zeit - so steht Marc Bloch jetzt unverrückbar da. Doch Raulffs Buch ist mehr als nur das intellektuelle Portrait eines bedeutenden Historikers, es ist zugleich intellektuelle Problemgeschichte" und in dieser Hinsicht ein Markstein wissenschaftsgeschichtlicher Biographik.

 

Göttingen, Thomas Werner

 

Kontakt

E-Mail
Dr. Volker Köhler
(Essays und Rezensionsaufsätze)
npl-redaktionsleitung(at)pg.tu-darmstadt.de

Janika Schiffel
(Einzelrezensionen und Heftproduktion)
npl(at)pg.tu-darmstadt.de

Nicole Ihrig
(Buchbestellungen)
npl-review(at)pg.tu-darmstadt.de


Twitter
@npl_review
 

Telefon und Fax
Tel.: +49 (0)6151/16-57330
Fax: +49 (0)6151/16-57464

 

Postanschrift
Neue Politische Literatur
TU Darmstadt
Institut für Geschichte
Dolivostr. 15
64293 Darmstadt

 

Unser Verlag
Springer VS
Abraham-Lincoln-Straße 46
65189 Wiesbaden
 

NPL bei SpringerLink

 

A A A | Drucken Drucken | Impressum | Datenschutzerklärung | Suche | Sitemap
zum Seitenanfangzum Seitenanfang