Alois Riklin: Die Republik von James Harrington 1656. 263 S., Stämpfli Verlag, Bern 1999.

 

Bis zur Wiederentdeckung des "republikanischen Paradigmas" durch J. G. A. Pocock wurde der englische Verfassungsdenker James Harrington (1611-1677) weitgehend vernachlässigt, obwohl seine "Oceana" (1656) zu den frühesten Entwürfen einer geschriebenen Verfassung zählt. Trotz der durch Pocock angeregten lebhaften Forschungsdebatte zur anglo-amerikanischen Tradition des Republikanismus, in der Harrington ein zentraler Platz zugesprochen wird, mangelt es bisher an knappen deutschsprachigen Einführungen in Leben und Werk des Autors (allerdings existieren deutsche Ausgaben seiner wichtigsten politischen Schriften). Eine solche Einführung legt nun der St. Gallener Politikwissenschaftler Alois Riklin vor.

Da nur wenig über das Leben Harringtons bekannt ist, kann der wesentliche Teil der Darstellung seinem politischen Denken gewidmet werden. Ausführlich stellt Riklin Harringtons Modell einer gemischten Republik vor, das sich einerseits von Einkammerkonzeptionen (Milton), andererseits aber aufgrund seiner besitzständischen Grundlegung auch von geburtsständischen Mischverfassungskonzepten (so der Republikvorstellung Montesquieus) abhebt. Nicht zuletzt diese besitzständische Komponente entfaltete im Denken der amerikanischen Verfassungsväter ihre historische Wirkung, wenngleich das genaue Ausmaß des Harringtonschen Einflusses umstritten bleibt.

Der besondere Wert der Studie Riklins liegt in der ausführlichen Einbettung des Harringtonschen Denkens in seinen verfassungs- und ideengeschichtlichen Entstehungskontext. Englischer Bürgerkrieg, Hinrichtung des Königs, Republik, Protektorat und schließlich Restauration der Monarchie lösten eine Krise des verfassungspolitischen Denkens aus. Die rasch wechselnden Regierungsformen erforderten eine ständige Revision hergebrachter oder neu entwickelter Modelle zur Legitimation politischer Herrschaft. Damit inspirierten die politischen Entwicklungen differenzierte Debatten über absolute und beschränkte Monarchievorstellungen sowie einfache und gemischte Republikkonzepte, die weit über die Konventionen des englischen Verfassungsdenkens hinauswiesen. Auch Harringtons politische Schriften entstanden als Beitrag zu diesen aktuellen Debatten über die bestmögliche Ordnung für das menschliche Zusammenleben. Verfaßt in der Regierungszeit Oliver Cromwells, suchten sie dessen autokratischem Regime das Modell einer wahrhaftigen Republik gegenüberzustellen. Erst vor diesem Hintergrund der verfassungspolitischen Diskussion Englands im 17. Jahrhundert tritt Harringtons eigenständige Leistung hervor. Über die "Neo-Harringtonians", deren Denken sich teilweise wesentlich von dem ihres Namenspatrons unterschied, hätte man sich vielleicht sogar etwas ausführlichere Darlegungen gewünscht.

Übrigens erwirbt sich das ansprechend gestaltete Bändchen nicht nur Verdienste um die Präsentation Harringtons, sondern auch um das Vorantreiben der Rechtschreibreform - wie jeder Leser feststellen kann, der die zur Lektüre erforderliche Musse mitbringt.

 

Darmstadt, Detlev Mares

 

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