Stefan Rinke: "Der letzte freie Kontinent": Deutsche Lateinamerikapolitik im Zeichen transnationaler Beziehungen, 1918-1933, 2 Teilbände. 836 S., Heinz Verlag, Stuttgart 1996 (Historamericana Bd.1).

 

Seit dem letzten Jahr erscheint im Verlag Heinz in Stuttgart unter dem Titel "Historamericana" eine neue Schriftenreihe zur Geschichte Lateinamerikas. Sie soll nicht zuletzt Nachwuchswissenschaftlern die Chance bieten, eigene Forschungen zu publizieren. Mit der Dissertation von Rinke über die deutsche Lateinamerikapolitik in der Weimarer Republik wurde dazu ein guter Anfang gemacht.

Die Untersuchung von Rinke basiert auf einem breiten, detaillierten Quellenstudium u.a. im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, im Bundesarchiv sowie in Firmenarchiven. Herausgekommen ist eine voluminöse Untersuchung, die in zwei Teilbänden insgesamt 759 Textseiten umfaßt. Auf den ersten Blick ist das zwar eher abschreckend. Durch ihre klare Gliederung bietet die Arbeit aber die Möglichkeit, daß der Leser sich auch nur ausschnitthaft über Teilthemen unterrichten kann, wie etwa die auswärtige Kulturpolitik (Kap.6)oder die Aktivitäten der deutschen Rüstungsindustrie und deutscher Militärberater in Lateinamerika (Kap. 8).

Die deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen oder deutsche Interessen in Lateinamerika sind bislang verschiedentlich bearbeitet worden. Die Weimarer Republik wurde dabei aber weniger berücksichtigt, so daß die vorliegende Untersuchung hier manche Lücke schließt. Zugleich wirft die zeitliche Eingrenzung, die d. Verf. wählt, zwangsläufig die "Kontinuitätsfrage" (S. 29) auf: Gab es eine spezifische "Weimarer" Lateinamerikapolitik, oder blieben die wirtschaftlichen oder deutschtumspolitischen Motive im Vergleich zu denen vor 1914/18 eher konstant?

Rinke kommt hier zu dem Ergebnis, daß sich die Kontinuitäten nicht übersehen lassen. Wirtschaftliche Interessen, um den Handel, das Banken- und Versicherungswesen und einzelne Industriebranchen zentriert, blieben bestimmend. Allerdings, so d. Verf., erlaubten die nach dem Ersten Weltkrieg gewandelten Bedingungen kein einfaches Anknüpfen an die Politik vor 1914. Der Versuch, die Expansion des deutschen Wirtschaftsengagements in Lateinamerika wie im späten Kaiserreich fortzusetzen, scheiterte in der Weimarer Zeit. Entstanden sei nach 1918 vielmehr eine "im Ansatz moderne Lateinamerikapolitik" (S. 743). Deren Merkmale waren u.a. private Initiativen außerhalb und neben dem Staat, der Aufbau informeller Verbindungen in die Kreise politischer Entscheidungsträger und wirtschaftlicher Eliten in Lateinamerika hinein sowie die Integration der eigenen Interessen in die Aktivitäten transnationaler Akteure. Insgesamt ruhte die deutsche Lateinamerikapolitik in der Weimarer Zeit auf einem Gewebe von Beziehungen auf, das sich über den Ersten Weltkrieg wie auch die Weltwirtschaftskrise hinweg als vergleichsweise flexibel und stabil erwies.

Die Untersuchung von Rinke, die nicht nur etwas über deutsche Politik in Lateinamerika, sondern auch über Vorgänge hierzulande sagt, beinhaltet sicherlich keine spektakulären Ergebnisse. Sorgfältig und detailreich gearbeitet, bietet sie jedoch einen umfassenden und kenntnisreichen Überblick zum Thema.

 

Leipzig, Michael Rickenberg

 

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