Michael Ruck: Bibliographie zum Nationalsozialismus. 1428 S., Bund-Verlag, Köln 1995.

 

Die Klage, daß die Literatur zum Nationalsozialismus, ja selbst zu einzelnen Forschungsfeldern, nicht mehr oder kaum noch zu überschauen sei, liest man in Vorbemerkungen und Nachworten einschlägiger wissenschaftlicher Werke seit zehn, wenn nicht zwanzig Jahren immer wieder. Mitunter wird die Unübersichtlichkeit ein wenig übertrieben, aber richtig ist zweifellos: Die NS-Forschung verzeichnet nach wie vor wachsende Produktionsausstöße, die allein der schieren Masse wegen immer schwerer zu bewältigen sind.

In einer solchen Situation sind gute Hilfsmittel höchst willkommen, und alle, die diese Fronarbeit leisten, haben den Dank und den Respekt der Zunft verdient. Das gilt umso mehr, wenn, wie im Fall der hier anzuzeigenden Bibliographie, nicht eine wohlausgestattete Institution, sondern ein einzelner Wissenschaftler diese Mühe auf sich nimmt.

Dies vorausgeschickt, ist freilich auch eine so imponierende Arbeitsleistung, wie Michael Ruck sie nun vorgelegt hat, pflichtgemäß kritisch zu prüfen. Wie aber rezensiert man eine Bibliographie mit mehr als 20 000 Titeleinträgen? Jeder Versuch, sich ein Urteil zu bilden, steht nolens volens vor dem Problem, daß er letztlich nur auf Stichproben beruht, die im Verhältnis zum Gesamtumfang des Werkes bescheiden bleiben. Denn natürlich ist eine durchgängige "Lektüre" niemandem zuzumuten, zumal der "Text" wirklich spannend ja nur dort wird, wo man sich auf die Suche nach - womöglich selbst verfaßtem - Entlegenem macht oder auf Neuentdeckungen in den eigenen Spezialgebieten hofft. Die einzige realistische Möglichkeit besteht also darin, den Gebrauchswert des Kompendiums empirisch zu testen - und es an seinem selbstgesetzten Anspruch zu messen.

Michael Rucks Anspruch ist hoch: Ausgehend von dem Faktum, daß seit Peter Hüttenbergers mit 214 Seiten und schätzungsweise 3000 Einträgen vergleichsweise schmaler Bibliographie zum Nationalsozialismus (Göttingen 1980), abgesehen von ein paar auf die Situation der englischen und amerikanischen Forscher zugeschnittenen Nachweisbänden, nichts Nennenswertes mehr erschienen ist, hat er seine Unternehmung im Laufe der Jahre sukzessive erweitert und kann seinen Verlag nun getrost mit der Feststellung werben lassen, es handele sich um die "umfassendste" Spezialbibliographie zum Thema. Wohlgemerkt, Ruck behauptet nicht nur nicht, daß es sich um das umfassende - sprich: vollständige - Nachschlagewerk handelt, sondern er zeigt sich im Gegenteil des "fragmentarischen Charakters" seiner Anstrengungen bewußt. Gerade deshalb scheint hier ein Kompliment geboten: Im Laufe eines mehrwöchigen, die eigene Arbeit begleitenden Gebrauchs der Bibliographie fand der Rezensent nicht eine einklagbare Lücke. Und als besonders nützlich erwiesen sich im Praxistest die zuverlässigen Angaben der Ersterscheinungsjahre und -orte von "Klassikern" der NS-Historiographie, die man selten in der Originalausgabe zur Verfügung hat.

Der Schwerpunkt des Werkes liegt zweifellos auf der neueren und neuesten Literatur (Redaktionsschluß war Herbst 1994), und hier besonders im Bereich der Regional- und Lokalstudien, die in erstaunlicher Dichte, jedoch in unnötig zergliederter Form nachgewiesen sind. Die Forschungsinteressen des Autors sind an dieser Stelle deutlich zu erkennen - weshalb man sich die Einleitung gerade zu diesem Punkt (aber auch sonst) etwas ausführlicher gewünscht hätte.

Darüber hinaus verzeichnet die Bibliographie vor allem für die achtziger und die erste Hälfte der neunziger Jahre nicht nur sorgfältig die Einzelbeiträge aus wissenschaftlichen Sammelbänden; man findet auch eine Fülle von Hinweisen auf einschlägige Artikel in der Tagespresse. Letzteres gilt allerdings kaum für die früheren Jahrzehnte, weshalb etwa die Absicht scheitern müßte, anhand dieses Bandes zu verläßlichen Erkenntnissen über die publizistische Präsenz der NS-Thematik in der Nachkriegszeit zu gelangen.

Stärker als solche - arbeitsökonomisch wohl unvermeidlichen - Einschränkungen fallen einige Umständlichkeiten bei der Handhabung des Werkes ins Gewicht; sie hängen fast alle mit dessen Gliederung zusammen. Vielleicht, weil dem Autor die eher groben Raster der jährlich erscheinenden (und für die Jahre 1953 bis 1989 kumuliert vorliegenden) Bibliographie zur Zeitgeschichte, seit einigen Jahren auch der Historischen Bibliographie vor Augen standen, hat er sich für eine sehr feine Kategorisierung seiner Titelmassen entschieden. Auf den ersten Blick mag dies als ein Vorteil erscheinen, denn die Einträge pro Gliederungspunkt lassen sich dadurch meist noch in überschaubaren Grenzen halten. Bei der eiligen Suche erweist sich die starke Unterteilung aber als ein zeitfressender Nachteil, denn nicht nur muß man sich immer wieder neu mit der differenzierten Systematik der Bibliographie vertraut machen; überdies ist nicht selten an mehreren Stellen nachzuschlagen, will man sicher sein, wirklich alles Interessierende erfaßt zu haben.

Die Komplizierung ergibt sich noch nicht auf der Ebene der zwei ganz unterschiedlich großen Hauptteile, in die das Werk gegliedert ist: Teil A ("Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus") umfaßt über 18 000, Teil B ("Deutschland und die NS-Vergangenheit") ziemlich exakt 2000 Einträge. Das Problem entsteht mit den drei Unterkapiteln von Teil A (A.1: "Übergreifende Hilfsmittel, Darstellungen und Quellensammlungen zur Geschichte des Nationalsozialismus"; A.2: "Aufstieg des Nationalsozialismus bis 1932/33; A.3: "Der Nationalsozialismus an der Macht").

Wie nicht anders zu erwarten, bildet Abschnitt A.3 mit rund 900 Seiten den Kern des Bandes, aber wer beispielsweise die Literatur zum Thema Landwirtschaft und Ernährung im "Dritten Reich" (A.3.12.7) erfassen möchte, ist gut beraten, auch unter A.1.9.2 ("Verschiedene Persönlichkeiten"), A.3.11.6.2.2.3 ("Soziale Lage, Stimmung und Verhalten der Bevölkerung", hier: "Bauern") und A.3.19.11 ("Wissenschaft und Universitäten", hier: "Agrarwissenschaften") nachzusehen. Gewiß wird der Benutzer durch Querverweise auf solche Suchpfade gesetzt, doch an der Umständlichkeit ändert das wenig. Und daß schier endlose Dezimalordnungen - jedenfalls in der Wahrnehmung von Nichtmathematikern - eher Verwirrung als Übersicht schaffen, sollte sich mittlerweile zumindest unter Lektoren herumgesprochen haben; doch statt dem Autor davon abzuraten, hat der Verlag das Problem durch ein auch typographisch unübersichtliches Inhaltsverzeichnis noch verschärft.

Für die Entscheidung, sich auf ein Autoren-, ein Personen- sowie ein geographisches Register zu beschränken, wird Ruck triftige Gründe gehabt haben, und die Schwierigkeiten, die dem fehlenden Sachregister entgegenstanden, lassen sich leicht denken. Aber das Werk wäre diese zusätzliche Anstrengung Wert gewesen, zumal sich dadurch die übertriebene Feingliederung hätte vermeiden lassen, die natürlich auch zu Platz kostenden Mehrfachnennungen und zu mancher schwer nachvollziehbaren Einordnung gezwungen hat.

In Zeiten elektronischer Volltext-Recherchemöglichkeiten wirkt der fast zwei Kilo schwere Eineinhalbtausend-Seiten-Band ein bißchen wie ein Dinosaurier: unbedingt erhaltens- und besitzenswert, aber auch recht unbeweglich. Man wünscht sich die schon angekündigte zweite beziehungsweise fortgeführte Auflage als CD-ROM.

 

Berlin, Norbert Frei

 

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