Bernhard Santel: Migration in und nach Europa. Erfahrungen. Strukturen. Politik. 249 S., Leske und Budrich, Opladen 1995.

 

In der Mitte der 1980er wurde von Michael R. Marrus die These aufgestellt, daß das europäische Flüchtlingsproblem an sein Ende gekommen sei. Die politische Wirklichkeit aber ist, wie der Autor der vorliegenden Studie, einer Münsteraner Dissertation aus dem Wintersemester 1993/94, zu Recht konstatiert, über diese Annahme vollständig hinweggegangen. Vor diesem Hintergrund hat Bernhard Santel den neuen Wanderungsraum Westeuropa, der in den letzten Jahren neben Nordamerika zur wichtigsten Zielregion internationaler Migration geworden ist, zum Kernthema seiner Untersuchung gemacht.

In vier Hauptschritten untersucht er die Hintergründe und Folgen der neueren Wanderungsbewegungen in und nach Europa: Auf einen historischen Rückblick, der vor allem auf die transkontinentale Emigration des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abhebt, folgt eine Bestandsaufnahme der aktuellen Zuwanderungströme in einzelne Staaten der europäischen Union. Diese wird, drittens, abgelöst durch eine Betrachtung der Ursachen und Hintergründe flir die neueren Wanderungen. Der anschließende Teil behandelt Versuche der politischen Kontrolle bzw. Gegensteuerung der europäischen Staaten, deren klar definiertes Ziel Santel "in der Abschottung vor steigender Einwanderung" sieht (S.16).

Das internationale Wanderungsgeschehen blieb bis an das Ende des 19. Jahrhunderts, dies zeigt der historische Rückblick, durch das System einer weitgehenden Freizügigkeit bestimmt. Eine einfache Fortschreibung dieses Modells hält Santel aber, wegen der Existenz eines historisch gewachsenen Sozialsystems in den Einzelstaaten, flir nicht möglich (S.47). "Solange es keine weltweite Staatsbürgerschafi, keine Weltbürgerschafi und keine gobale Sozialpolitik [...] gibt, kann es keine schrankenlose Politik loffener Grenzen' geben."

Dies zeigen vor allem die südlichen Staaten der Europäischen Union, die sich im Verlaufe der 90er Jahre de facto zu Einwanderungsländern entwickelt haben. Die Staaten dieser Region gehören heute zu den Ländern, in die vornehmlich Migranten aus der Dritten Welt einreisen. Der Autor schildert dies in einzelnen Länderstudien und skizziert im Anschluß daran den damit verbundenen Wandel der Asylgesetzgebung. Dabei wird ersichtlich, daß die Reform der Asylgesetzgebung in der Bundesrepublik schon deswegen ein besonderes Interesse auf sich ziehen mußte, weil die meisten Asylbewerber in allen europäischen Staaten vor dem Jahre 1993 nach Deutschland einreisten. Santel sieht hierfür neben der rechtlichen Basis die ökonomisch Anziehungskraft, aber auch das "geopolitische Schicksal" Deutschlands als ausschlagebend an (S.110). Feststellungen dieser allgemeinen Art kann man, auch in den weiteren Teilen des Buches, weitgehend zustimmen. Daß die asymmetrische Beziehung zwischen den Zentren der internationalen Gesellschaft und den Staaten der Dritten Welt den strukturellen Hintergrund für die Süd-Nord- Wanderung bildet, ist sicherlich zutreffend (S.131). Gleiches gilt für Santeis Hinweis auf die "Interkontinentalität" der neueren Wanderungen (S.155). Am wichtigsten erscheint die Tatsache, die der Autor ebenfalls auflistet, daß viele Menschen in den Entwicklungsländern bereits mobil geworden und in die urbanen Zentren ihre Heimatstaaten abgewandert sind, bevor sie nach Europa kommen. Santel beschreibt all dies kenntnisreich, aber er beschreitet an dieser, wie auch an zahlreichen anderen Stellen Terrain, das weitgehend schon vermessen worden ist. Der Vorzug seiner Studie ist daher eher in der Synthese des bisherigen Forschungsstands und in der Bestandsaufnahme der aktuellen Einreise- und Asylpohitikbestimmungen zu sehen. Diese führt auch zur abschließenden Einschätzung Santels, daß die Abwehrinstrumente in den europäischen Staaten gegen eine unkontrollierte Zuwanderung nur durch eine aktive Einwanderungspolitik zu rechtfertigen sind. Dem ist erneut zuzustimmen. Nur hätte man sich zur Dokumentation dieser These an einigen Stellen eine tiefschürfendere Analyse gewünscht.

 

Düsseldorf, Christoph Cornelißen

 

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