Jürgen Michael Schulz: Kirche im Aufbruch. Das sozialpolitische Engagement der katholischen Presse Berlins im Wilhelminischen Deutschland, Diss. 376 S., de Gruyter Verlag, Berlin, New York 1994 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte; Bd. 1).

 

Manche Bücher überlassen die Antwort auf die Frage, warum sie eigentlich geschrieben wurden, dem Leser. Das dämpft zwar die Leselust, fragt man sich doch, warum man das eigentlich durcharbeiten soll. Es öffnet aber Türen für eigene Interpretationen und Erkenntnisinteressen. Obwohl die Fragestellung, die sich die an der Freien Universität Berlin abgeschlossene geschichtswissenschaftliche Dissertation vornimmt, im rein Deskriptiven verharrt, lohnt die Lektüre. Anhand von sechs katholischen Zeitungen und Zeitschriften aus Berlin will das Buch nichts anderes als einen Einblick in Motive, Ziele und Methoden des sozialen Katholizismus zwischen 1890 und 1900 geben. Das berüchtigte Zentralorgan der Zentrumspartei, die "Germania", ist zwar schon häufig durchforstet worden, nicht jedoch unter dieser Perspektive. Auch über das Verbandsorgan der katholischen Arbeitervereine Berlins, "Der Arbeiter", liegen wenige Studien vor, während die anderen Blätter durch Schulz beinahe dem Vergessen entrissen werden: die verbreitete Wochenzeitung mit dem vielsagenden Namen "Das Schwarze Blatt", das "Märkische Kirchenblatt", außerdem zwei Tagesblätter, die "Katholische Volkszeitung" (KVZ) und die billige "Märkische Volkszeitung" (MVZ), die sich an breite Bevölkerungskreise richteten.

Ausführlich widmet sich der pressegeschichtliche Teil der Entstehung, den Initiatoren und der Klientel dieser Periodika, bevor ihre Haltung zu diversen Themen untersucht wird: zur Sozialen Frage und zur Sonntagsheiligung, zum Liberalismus und zur Sozialdemokratie, zur Gewerkschaftsbewegung und zur einschlägigen Enzyklika "rerum novarum" (1891), zur "Umsturzvorlage" (1895) und zur Konfessionsschule, zur modernen Wissenschaft und zum Priestermangel, zur kirchlichen Seelsorge und zur Zentrumspartei, zur Rechristianisierung und zum staatlichen Interventionismus, zum Protestantismus und zu Wilhelm II. - ein Potpourri der Probleme. Vier zentrale Kapitel wollen es ordnen. In ihnen geht es um die religiöse Kritik am Sozialismus, um das soziale Sendungsbewußtsein der Kirche, die christlich-soziale Politik und die christliche Arbeiterbewegung. Doch die Konzentration auf weniger Aspekte und vor allem auf eine leitende Fragestellung hätte den Erkenntnisgewinn sicher erhöht. Ohne jede Theorie oder Hypothese erschließt Schulz alle Ergebnisse induktiv aus den Zeitungen heraus. Außerdem artet die Analyse in eine vertrackte Exegese darüber aus, welche Artikel in diesem oder jenem Punkt wohl von anderen abwichen. Wofür sollen wir das wissen?

Erst am Ende liefert das Buch den roten Faden nach, enfaltet einige grundlegende Strukturmuster und offeriert schließlich doch noch einige Thesen. Die wichtigste bezieht sich auf den Versuch des Katholizismus, die Soziale Frage zu lösen. Zwei Eckpunkte bestimmten diesen Diskurs. Auf der einen Seite setzten Kirche und katholische Presse auf die Gesinnungsreform der Gesellschaft; die Intensivierung von Glaube und Caritas galt als Weg, um dem Übel des unmoralischen Kapitalismus und der gottlosen Sozialdemokratie Herr zu werden. Auf der Gegenseite stand die pragmatische Lösung einer staatlichen Sozialreform und die Hinwendung zu den christlichen Gewerkschaften, die, weil von klerikaler Kuratel befreit, umstritten waren. Die beiden Positionen sind jedoch hinlänglich bekannt und von der guten Literatur längst aufgearbeitet worden. Kaum ein Thema hat die Katholizismusforschung so beschäftigt wie der "Gewerkschaftsstreit". Doch im erfreulichen Kontrast dazu steigt Schulz von dem ausgetretenen Pfad der Höhenkammpublizistik hinunter. Er konzentriert sich nicht auf die Bischöfe und den Papst, die Worführer und Vordenker, sondern demonstriert die Verarbeitung dieser Probleme an der "Basis". So entsteht zwar kein grundlegend neues Ergebnis, aber Schulz gelingt die dramatische Verdichtung einer die Gemüter bewegenden Debatte. Die Entdekung, daß es Meinungsverschiedenheiten in den sechs geprüften Blättern gab, verführt Schulz dazu, kurzerhand (auf der letzten Seite) den Begriff des katholischen "Milieus" über Bord zu werfen. Damit geht er entschieden zu weit. Denn erstens widerspricht das seinem eigenen Befund: Schulz zeigt ja gerade den Willen zur Geschlossenheit, zur Integration gesellschaftlicher Teilgruppen in den Katholizismus, Schulz belegt die einhellige Ablehnung des Sozialismus sowie die konsensuale Verteidigung der katholischen Wertorientierung. Und zweitens verlangt das durchaus komplexe Milieukonzept keinesfalls, daß alle einer Meinung waren. Die seit einem Jahrzehnt geführte Kerndebatte über die Homogenität, Heterogenität und Erosion des Milieus ist Schulz nicht bekannt. Nicht einmal die entsprechende Literatur taucht auf, wie er überhaupt mit einem für eine Dissertation verblüffend übersichtlichen Literaturapparat auskommt.

Inmitten der Kapitel, die den bisherigen Informationsstand gewinnbringend vertiefen, gibt es Passagen, die neu, fast fesselnd sind und auch den abgebrühten Katholizismusforscher noch zu erschrecken vermögen. Niemand hat die Klerikalisierung der "Umsturzvorlage" bisher so gründlich aufgearbeitet wie Schulz. Er bestätigt nicht nur, wie weit die Hoffnung der antimodernen Katholiken ging, die Gesellschaft rekatholisieren zu können, sondern auch, welchen enormen Druck die katholische Presse auf das Zentrum ausübte, das sich auf dem parlamentarischen Parkett pragmatisch und diplomatisch verhalten mußte.

Ursprünglich sollte diese Gesetzesvorlage die Sozialdemokraten stoppen und, im Rahmen der "Sammlungspolitik" konservativer Kräfte, dem gefürchteten Staatsstreich vorbeugen. So hatte es Kanzler Hohenlohe-Schillingsfürst im Dezember 1894 dem Reichstag vorgestellt. Zwar wurde die Vorlage als verschärftes Strafgesetz verschleiert, aber in Wirklichkeit war sie ein Ausnahmegesetz. Sie kriminalisierte die Herabwürdigung des Staates und seiner Repräsentanten, jede Regung von "Umstürzlern", Beamtennötigung, die Aufreizung zum Klassenhaß und sogar - auf Drängen des Zentrums - die den öffentlichen Frieden gefährdende Beleidigung der Kirche. Was vielen Abgeordneten zu weit ging, war den Katholiken aber noch nicht genug. Das Zentrum verbündete sich mit den Konservativen und verlangte, daß man auch die Lehre der Kirche vor Unflätigkeiten schützen müsse. Die Entscheidung wurde vertagt, bis eine Kommission einen besseren Vorschlag unterbreiten konnte. Mehr und mehr dominierte das Zentrum die Beratungen. "Hie Christenthum, hie Atheismus", so laute das "Feldgeschrei in dem Kampfe der Geister," feuerte die KVZ ihre Gesandten im Januar 1895 an. Zur Freude der Bischöfe jagte eine prima Idee die nächste: Die Dogmen dürften nicht kritisiert und auch der Klerus müsse in Ruhe gelassen werden. Bald war die erste Version kaum wiederzuerkennen. Bis zur zweiten Lesung im Mai 1895 war das antisozialistische Repressionsgesetz zu einem ultramontanen Religionsgesetz mutiert. Es erklärte der Moderne in jeder Beziehung den Krieg. Die freie Meinung, die unabhängige Forschung und die Pressefreiheit standen auf dem Spiel. Die KVZ wollte allen "liberalen ungläubigen Professoren das Handwerk" legen, und im April frohlockte die "Germania", endlich gegen die evangelischen Theologen losziehen zu können, denn sie stünden an der Spitze der Kirchenfeinde. Allein das Dogma zähle, verkündete das Blatt, mit dem "sola fide" komme man nicht weit. Erst als auch die starrsten Konservativen unter den Protestanten spürten, daß manche Katholiken erwarteten, bald die den Papst beschimpfenden Schriften Luthers konfiszieren zu können, zogen sie die Notbremse. Der klerikale Plan war zu durchsichtig. Verzweifelt strengten sich die katholischen Gazetten an, ihn im letzten Moment zu retten: "Man hat einmal das Wort 'Clericalisirung' der Vorlage erfunden," beschwichtigte das "Schwarze Blatt" eine Woche vor der Entscheidung die Gemüter. "Damit taucht vor allen 'guten evangelischen Christen' das römische Gespenst auf; man läßt sich willig einreden, die Vorlage komme nur dem Centrum und 'Rom' zu Gute." Doch das traf den Kern der Sache, und außerdem war es jetzt zu spät. Am 8. Mai 1895 stand das Zentrum ganz allein im Reichstag. Schritt für Schritt wurde der Entwurf demontiert und am 11. Mai von der überwältigenden Mehrheit verworfen. "Die Umsturzvorlage ist gefallen", trauerte die KVZ, und die klerikale MVZ stand erschüttert "am Grabe der Umsturzvorlage". Als am 8. Mai 1995, genau einhundert Jahre später, der fünfzigste Jahrestag der Befreiung von der Nazi-Diktatur gefeiert wurde, erinnerte sich niemand mehr an jenen anderen 8. Mai, an dem der Reichstag sich von der Umsturzvorlage befreite. Die heiße Debatte über sie, aber auch andere Diskussionen, etwa um den Antisozialismus und die Konfessionsschule, erhellen, wie weit das Zentrum und der deutsche Katholizismus auch zur Jahrhundertwende noch davon entfernt war, das Prädikat "modern" oder "liberal" zu verdienen - eine kontroverse These, die bei Schulz jedoch nicht zu finden ist.

 

Bielefeld, Olaf Blaschke

 

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