Johannes-Dieter Steinert: Migration und Politik. Westdeutschland - Europa - Übersee 1945-1961. 368 S., Secolo Verlag, Osnabrück 1995.

 

Es handelt sich bei dieser Studie um eine Osnabrücker Habilitationsschrift aus dem Jahre 1993/94. Der Verf., der der dortigen Schule der Migrationsforschung um den Sozialhistoriker K.J. Bade zuzuordnen ist, hat bereits eine beachtenswerte Dissertation auf einem ähnlich gelagerten Themengebiet vorgelegt (vgl. NPL 37 (1992), S. 46f). Die Forschungen Steinerts geben erstmals einen generellen Überblick über die deutsche Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg und verknüpfen diese zugleich mit der Arbeitskräftezuwanderung seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre. Jedoch geht es weniger um die einzelnen Wanderungsströme selbst als vielmehr um die politischen Implikationen der klassischen Einwanderungsländer USA, Kanada und Australien bei der Aufhahme deutscher Auswanderer. Auch das deutsche Interesse daran, Auswanderungen nach Möglichkeit lür eigene außenpolitische Zielsetzungen in den Aufhahmeländern nutzbar zu machen und sie dementsprechend zu begrenzen, wird offengelegt. Außerdem wird das deutsche Politikverständnis, seit der Gründung der BRD auch Zuwanderungen als politisches Steuerungsinstrument für den wirtschaftlichen Wiederautbau nutzbar zu machen, deutlich gemacht. Beide Motivationen, sowohl die der klassischen Einwanderungsländer als auch die der frühen Bundesrepublik, sind dabei einzig vor dem Hintergrund zu sehen, Arbeitskräfte für die eigene Wirtschaft dienstbar zu machen, humanitäre Motive treten demgegenüber weit in den Hintergrund oder eifüllen bestenfalls eine Alibifünktion.

Besonders deutlich wird, wie der Umfang und die Richtung der Auswanderung aus Deutschland heraus anfänglich von den Alliierten, dann von den Einwanderungsländern und seit 1952 auch durch die Bundespolitik gesteuert werden; zwischen 1949 und 1961 wanderten ca. 780.000 Deutsche aus, davon die Hälfte in die USA. Interessant ist, daß schon wenige Jahre nach den grundlegenden Auswanderungsdiskussionen in Deutschland - v.a. ausgelöst durch den enormen Flüchtlings- und Vertriebenzustrom - ernsthaft die Frage einer Arbeitskräfteanwerbung im europäischen Ausland erwogen wird. Die planmäßige Arbeitskräfteanwerbung, die nach damaligen Zielsetzungen eben keine klassische Einwanderung, sondern nur eine Beschäftigung auf Zeit sein sollte, begann 1956. In beiden Fällen -Aus- wie Einwanderungen - widerlegt Steinert eindeutig auch die bisherige Forschungsmeinung einer Selbstselektion der Migranten. Steinerts Ergebnisse basieren sowohl auf bisher nicht zugänglichem amtlichen Material bundesdeutscher Ressorts als auch auf sehr breiter internationaler Quellengrundlage, hat er doch die Bestände der nationalen Archive in Australien, den USA, Kanada und Großbritannien mitherangezogen. Allerdings führt dies dazu, daß die überbordende Detailkenntnis des Autors, ihn allzuoft abschweifen läßt. Manches Einzelbeispiel von geringerer Relevanz, wie beispielsweise die gescheiterten deutschen Ansiedlungsversuche in Chile, gerät zu weitschweifig, ohne sich dem Kernproblem der deutschen Überseeauswanderung wirklich zu nähern. Einige Belege weniger und einiger Mut mehr, die Sachverhalte bereits im jeweiligen Abschnitt prägnant auf den Punkt zu bringen, hätten die Studie lesenswerter gemacht. Ohne Zweifel wäre der Autor dazu in der Lage gewesen, wie Einleitung und die Zusammenfassung deutlich zeigen.

Trotzdem werden aber die großen Grundlinien der Einwanderungs- und Zuwanderungspolitik veranschaulicht und erstmals auch die strukturellen Ahnlichkeiten zur Auswanderungspolitik offensichtlich, bei der eben nicht die Herkunftsländer steuernd wirken, sondern die Aufhahmeländer selektiv auswählten und sich dabei daran orientierten, ob und welcher Bedarf an Arbeitskräften notwendig gewesen ist, wobei der Altersstruktur, der Berufsausbildung und dem Familienstand der Zuwanderer sowie der zeitlichen Notwendigkeit, den eigenen Markt mit Kräften aus dem Ausland bedienen zu müssen, höchste Priorität zukamen.

 

Bonn, Rolf Messerschmidt

 

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