Andreas Suter / Manfred Hettling (Hrsg.): Struktur und Ereignis. 286 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001 (Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft, Sonderheft 19).

 

Die Historischen Sozialwissenschaften befinden sich in einem Transformationsprozeß, der einerseits durch Veränderungen in der politischen Landschaft, andererseits durch Herausforderungen ausgelöst wurde, die von neuen methodisch-theoretischen Prämissen ausgingen. Dass systematische Bereiche wie etwa ‚Religion' oder ‚symbolisches Handeln' gegenüber der starken Betonung von ‚Gesellschaft' und ‚Wirtschaft' zu kurz gekommen sind, räumten selbst gestandene Sozialhistoriker wie Hans-Ulrich Wehler ein. Die Kritik, dass sich mit der sozialgeschichtlichen Methodik bestimmte historische Sachverhalte nur unzureichend fassen lassen, ist durch die Erforschung des ‚Epochenjahres 1989' und die Erinnerung an die Geschehnisse von 1968 angestachelt worden. Die Verdammung des ‚Ereignisses' und die Betonung der ‚Struktur', wie sie am prononciertesten durch Fernand Braudel vertreten wurde, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.

Dass die "Rückkehr des Ereignisses" aber keineswegs mit dem Ende der Sozialgeschichte gleichbedeutend sein muss, ist die Überzeugung aller 13 Autoren des vorliegenden Bandes. In zwei Kapiteln wird darin versucht, das ‚Ereignis' als Kategorie für die Historischen Sozialwissenschaften nutzbar zu machen: Zunächst werden ‚Ereignis'-Theorien aus den Nachbarwissenschaften vorgestellt und auf ihren Nutzen für die Geschichtswissenschaft hinterfragt; dann finden sich "Historische Fallstudien", in denen der Ereignisbegriff im sozialhistorischen Sinne Verwendung finden soll.

Der niederländische Soziologe Rod Aya stellt eine Sicht vor, in der der Rational-Choice- Theorie und der Situationslogik eine zentrale Stellung zukommt. Menschliches Handeln sei immer erfolgsorientiert und werde dann zur Struktur, wenn es sich wiederhole. Aya charakterisiert damit das ‚Ereignis' als durch innere Rationalität determiniert – eine Position, gegen die alle folgenden Beiträge Front machen. Der französische Politologe Michel Dobry etwa hebt in seinen Ausführungen über die Situationslogik gerade die "Kontingenz" des Ereignisses hervor. Viel mehr als auf das eigentliche Ereignis käme es darauf an, "Handlungskontexte" und "Interdependenzkonstellationen zu umreißen, die es erlauben, typische Situationslogiken zu denken, welche sich den Wahrnehmungen, Einschätzungen, Vorwegnahmen, Berechnungen und schließlich den Praktiken und den Aktivitäten – vor allem den taktischen – der Ereignisakteure aufgedrängt haben könnten" (S. 83). In die zentrale Position seines und auch der folgenden Ausführungen rückt die Betonung von Handlungsmöglichkeiten sowie Deutungs- und Erfahrungsweisen, die Ereignisse als punktuelle Ausprägungen von und Symbole für längere Handlungsketten bezeichnen.

Drei Theorien erfahren eine nähere Würdigung: die Theorie des Ereignisses Marshall Sahlins' durch William H. Sewell jr., die Strukturierungstheorie Anthony Giddens' durch Thomas Welskopp und das Modell des "kritischen Ereignisses" Pierre Bourdieus durch Ingrid Gilcher- Holthey. Sewell und Gilcher-Holthey schaffen es, die von Ihnen vorgestellten Theorien an einem historischen Sachverhalt – der Landung James Cooks auf Hawaii bzw. dem Mai '68 in Frankreich – zu veranschaulichen. Sie leiten jedoch aus ihrer Exemplifikation kein allgemeines historisches Erklärungsmodell ab. Welskopp, der diesen Versuch bei seiner Erörterung des praxeologischen Ansatzes von Giddens unternimmt, kommt zu dem Schluß: "Giddens' ‚Strukturierungs'-Ansatz liefert keine vollständige theoretische Blaupause, die in der empirischen historischen Arbeit quasi nur noch konstruktiv umzusetzen wäre" (S.117).

Während sich aus den theoretischen Reflexionen keine Möglichkeit ergibt, wie sich der Ereignisbegriff in eine praktikable Geschichtstheorie integrieren ließe, weisen die "Fallstudien" einen Weg zur Vermittlung mit der Begriffsgeschichte. In den Untersuchungen über den schweizerischen Bauernkrieg (Andreas Suter), den Vendéekrieg (Jean-Clément Martin), die Selbstauflösung der Republik von Vichy (Ivan Ermakoff) und das Erlebnis des Kriegsausbruchs im Westen 1940 (Jakob Tanner) wird das Kosellecksche Begriffspaar "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" als Instrumentarium benutzt, um das ‚Ereignis' als sozialwissenschaftliche Größe auszuweisen: "Aber es ist erst das soziale Handeln und die soziale Praxis der Akteure selber, welche das, was wir mit Hilfe von sozialgeschichtlichen Methoden als politische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Strukturen beschreiben, gesellschaftliche Wirklichkeit werden lassen. Akteure eignen sich in ihrem Handeln oder im Widerstandshandeln das, was wir mit der sozialgeschichtlichen Analyse als Strukturen ihrer Umwelt oder strukturelle Handlungsbedingungen beschreiben können, selber und auf ihre Weise an" (Suter, S. 183).

Es ist wohl kein Zufall, dass kein deutscher, sondern mit Jacques Revel ein französischer Sozialhistoriker im theoretischen Teil des Bandes auf die Fruchtbarkeit von Reinhart Kosellecks Theorie der "Begriffsgeschichte als Sozialgeschichte" und von Paul Ricœurs narrativistischer Geschichtsphilosophie für die Historischen Sozialwissenschaften aufmerksam macht. Vielleicht führt die Kritik am Strukturbegriff der Sozialgeschichte zu einer befruchtenden Kooperation mit der Begriffsgeschichte. Der wiederum dürfte diese Zusammenarbeit ebenfalls zugute kommen: Das Verdikt postmoderner Beliebigkeit gründet nicht zuletzt in der starken Betonung der Fiktionalität des Faktischen nach dem ‚linguistic turn'. Denn hinter den Diskussionen des hier angezeigten, vielfältigen Bandes stehen in erneuerter Fassung die beiden Fragen nach der agency, also dem historischen Subjekt sowie nach der Tatsächlichkeit der Geschichte. Damit erstere nicht als Alternative zwischen historistischer Historiographie der Einmaligkeit zum einen oder ‚langer Dauer' zum anderen verstanden wird, ist eine Zusammenarbeit beider Richtungen unabdingbar. Ebenso könnte diese vor einer ‚Fiktionsphobie' einerseits und einem naiven Faktenobjektivismus andererseits schützen, wie er sich z. B. bei den Herausgebern äußert, die im Vorwort erklären, dass "nur in der Analyse des tatsächlichen Verlaufs Kausalketten erstellt werden [können], die jeweils die Absichten der Akteure miterfassen" (S. 32).

 

München, Stefan Jordan

 

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