Tacke, Charlotte: Denkmal im sozialen Raum. Nationale Symbole in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert. 408 S. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 108).

 

Die frappierenden Ähnlichkeiten der deutschen und französischen nationalen Gründungsmythen, die sich im 19. Jahrhundert um die antiken Helden Hermann und Vercingetorix sponnen, bilden den Ausgangspunkt dieser aus einer Dissertation hervorgegangenen Studie. Tacke interessiert dabei, ob die in einem nationalen Kontext entwickelten Konzepte und Kategorien der Nationalismusforschung, die den Nationalismus als genuin nationalstaatliches Phänomen ("Sonderweg") betrachten, auch auf andere Gesellschaften übertragen werden können. Am Beispiel der Denkmäler für Hermann im deutschen Kleinstaat Lippe und Vercingetorix in der Auvergne will die Autorin nachweisen, daß nationale Symbole nicht eo ipso an eine bestimmte Staatsform gebunden seien und daß von den ikonographischen Formen der Denkmäler und den ihnen zugrundeliegenden Mythen nicht unmittelbar auf die politische Kultur der jeweiligen Gesellschaft zurückgeschlossen werden könne (S. 17). Sie läßt sich dabei von dem ethnographisch-hermeneutischen Ansatz von Clifford Geertz leiten, der mittels einer "dichten Beschreibung" soziales Handeln verstehbar machen will, und der Klassentheorie Bourdieus, die auf kulturelle Kriterien von Klassenbildung und der "symbolischen Ordnung signifikanter Unterscheidungen" abzielt. Denkmalsvereine, Subskriptionen und öffentliche Feste bei der Denkmalsenthüllung werden hier als symbolische Praktiken und Repräsentationsformen, als Selbstbeschreibung der Gesellschaft begriffen und auf die in ihnen zum Ausdruck kommenden bürgerlichen Ordnungsvorstellungen befragt (S. 23). Entsprechend ist die Studie gegliedert: Das erste Kapitel beschreibt den Hermann- und Vercingetorixmythos im 19. Jahrhundert, das zweite befaßt sich mit den deutschen und französischen Denkmalsvereinen, das dritte mit den Subskriptionskampagnen, das vierte mit den Einweihungsfesten. Ein ausführlicher Anhang enthält neben Bibliographie und Register eine Fülle von Graphiken und Tabellen.

Es gibt nicht den Hermann- oder den Vercingetorixmythos, vielmehr unterlagen diese einem Wandel entsprechend den politischen Rahmenbedingungen. Die Selbstbeschreibung der eigenen Nation war in Deutschland wie in Frankreich durch die Abgrenzung von der jeweils anderen Nation bestimmt. So wurde, um nur einige Beispiele zu nennen, das Kaiserreich als Wiedergeburt der germanischen Einheit und Wilhelm I. als neuer Hermann gefeiert. Das Hermanndenkmal, 1838 als Vorgriff auf eine nationale Zukunft konzipiert, verlor damit seine innenpolitische Zukunftsperspektive und diente der Apologie der Gegenwart durch die Vergangenheit (S. 38). Es wurde später mit antikatholischen, antisozialistischen und antisemitischen Konnotationen befrachtet, in die auch zeitspezifische Vorstellungen von Geschlechtscharakteren einmündeten. Anders als in Frankreich reagierten bei politischen Konflikten die ausgegrenzten innenpolitischen Gruppen in Deutschland nicht mit einer eigenen Auslegung des Mythos (S. 74 u.ö.).

In beiden Ländern waren die Denkmalsvereine fest in der Hand lokaler Honoratioren und eingebunden in die kommunale und regionale Geselligkeit. Bei näherer Betrachtung ergeben sich indes einige Unterschiede zwischen den deutschen und französischen Vereinen: Die in ihrer Region verankerten französischen Notabeln konnten sich eine gewisse Unabhängigkeit von staatlichen Behörden erlauben, ohne Einfluß und Prestige zu verlieren, während das deutsche Bildungsbürgertum (vor allem Beamte) materiell und räumlich stärker der staatlichen Kontrolle unterworfen war. So ähnelten Spendenlisten aus den lippischen Städten und Ämtern gelegentlich den dortigen Steuerlisten (S. 154). Während sich die französischen Vereine eher auf die Region orientierten, bemühten sich die deutschen um die Schaffung nationaler Kommunikationsnetze (S. 132 ff). Tacke korrigiert in diesem Zusammenhang die Vorstellung einer von nationalen Zielen begeisterten deutschen bürgerlichen Öffentlichkeit. Kein Verein entstand aufgrund der zahlreichen Aufrufe in den Zeitungen, sondern nur durch persönliche Ansprache oder bürokratische Herrschaftsstrukturen - der Appell an die abstrakte nationale Idee vermochte die Bürger kaum zu mobilisieren. Demgegenüber fällt bei den französischen Subskriptionsbewegungen die weitgehende Abwesenheit staatlicher Vertreter und Institutionen auf (S. 193). Obwohl die Subskriptionsbewegungen in Deutschland wie in Frankreich einen nationalen Anspruch reklamierten, gelang nur der deutschen ein Spendenaufkommen auf nationaler Ebene, die Vercingetorixdenkmäler wurden hingegen fast nur aus Beiträgen aus dem näheren Umkreis finanziert. Unterbürgerliche Schichten wurden in Deutschland über (staatliche) hierarchische Herrschaftsstrukturen eingebunden, die französischen Notabeln verzichteten von vorneherein auf den Kontakt mit diesen Schichten. Die Subskription diente insofern gleichermaßen als Mittel sozialer Integration und Distinktion, zumal jeder Spender in seinem Beitrag seine soziale Stellung auszudrücken suchte.

Bei der Analyse der Einweihungsfeste entwickelt Tacke die These, "daß Denkmäler keine ihnen immanente Bedeutung haben, sondern erst durch die auf sie bezogene symbolische Praxis der durch das Denkmal kommunizierenden Individuen und sozialen Gruppen einen Sinn erhalten" (S. 201) Nicht das Denkmal bestimmte die Feste, sondern die Feste interpretierten immer wieder von neuem die Inhalte des Denkmals und setzten sie einem steten Wandel aus.

Die Autorin wendet sich damit gegen eine Interpretation, die das vormärzliche Bekenntnis zur nationalen Einheit als eine politisch-oppositionelle Haltung (miß)versteht oder die die Festkultur als Propagandainstrument im Dienste des monarchistischen, autoritären Zentralstaates deutet. Vielmehr macht sie deutlich, daß neben dem nationalen Bekenntnis regionale Loyalitäten im gesamten 19. Jahrhundert die bürgerliche Festkultur prägten. Am Beispiel der Feste am Hermanndenkmal und den Vercingetorixdenkmälern verfolgt sie den Wandel der nationalen Festkultur und der damit verbundenen politisch-ideologischen Besetzungen während der einzelnen historischen Etappen. Ihre dichten Beschreibungen der deutschen Festveranstaltungen stellt sie unter die Stichworte "klassenlose Bürgergesellschaft" 1841, "Untertanengesellschaft" 1875, "klassenlose Volksgemeinschaft" 1909. An den französischen Denkmälern analysiert sie insbesondere den sozialen Konflikt zwischen den "neuen Schichten" mit den konservativen Notabeln, die um ihre Stellung im sozialen und politischen Prozeß kämpften.

Denkmäler dienten also der lokalen und regionalen Selbstdarstellung konkurrierender bürgerlicher Gruppen. Die regionalen Eliten nutzten ihr symbolisches Kapital zur Repräsentation in der bürgerlichen Denkmalsbewegung (S. 291). Sie entwarfen ein harmonisches Bild der regionalen und nationalen Gesellschaft, bildeten aber zugleich die soziale Hierarchie und die Differenz zwischen den Klassen und Geschlechtern innerhalb ihrer Räume ab. "Das Bild der Nation als einer Solidargemeinschaft von Individuen, die keinerlei sonstigen Bindungen unterliegen bzw. der Nation den Vorrang geben, ist irreführend" (ebd.). In Deutschland wie in Frankreich war die Denkmalsbewegung aber auch bemüht, die relative soziale und kulturelle Homogenität der bürgerlichen Klasse von den unterbürgerlichen Schichten abzugrenzen (S. 292). Insofern kann keines der in dieser Studie analysierten Denkmäler primär als Symbol des Nationalstaates definiert werden. Dem deutschen Bürgertum attestiert Tacke daher kein "Defizit an Bürgerlichkeit", denn selbst die Feste des Kaiserreichs gingen nicht in der Unterordnung des Bürgertums unter den autoritären Staat auf, sondern boten Raum zur Darstellung bürgerlicher Freiräume. Die deutschen Bürger standen insofern den französischen Notabeln nicht nach. (S. 294)

Hermann und Vercingetorix waren zwar in ein System dichotomer nationaler Selbst- und Fremdbeschreibung eingebunden, führten jedoch in beiden Ländern zu ähnlich strukturierten Repräsentationsformen. - Weitere Studien zur Bürgertums- und Denkmalsforschung sollten sich durch diese sorgfältige und materialreiche Studie inspirieren lassen, die zahlreiche konventionelle Deutungsmuster und wissenschaftliche Interpretationen überzeugend in Frage stellt.

 

Wiesbaden, Hartmann Wunderer

 

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