Konstantin Nikolaevic Tarnovskij: Melkaja promyslennost dorevoljucionnoj Rossli. Istorikogeograficeskie ocerki. Radiks Verlag, Moskau 1997.

 

Der Vf. war ein führender Protagonist des Konzepts der "Mnogoukladnost"', das gegen Ende der 1960 er Jahren in der Sowjethistoriographie großen Zuspruch fand, weil es Möglichkeiten zu einer differenzierteren Analyse des ausgehenden Zarenreiches und der Oktoberrevolution bot. Als das Mnogoukladnost'-Konzept seit Beginn der 1970er Jahren politisch nicht mehr opportun war, verloren seine Vertreter ihren Einfluß. Davon besonders betroffen war T. , der in den folgenden Jahren seine Forschungsarbeiten kaum mehr publizieren konnte Erst einige Jahre nach seinem Tod gelang es seiner Familie und seinen engsten Mitarbeitern, ein bislang unveröffentliches Manuskript in Druck zu geben. Bedauerlicherweise verzichten sie auf Vorbemerkungen, so daß der Leser weder etwas über die Biographie Ts. noch über die Textgeschichte und die Editionsprinzipien erfährt.

Die benutzte Literatur und der sowjetische Sprachduktus lassen darauf schließen, daß die Arbeit verniutlich zu Anfang der I980er Jahren verfaßt wurde. Mit der Entwicklung des russischen Kleingewerbes in der ausgehenden Zarenzeit thematisiert K. darin einen Fragenkomplex, den er schon in seinen früheren Studien wiederholt aufgegriffen haffe. Er weist daraufhin, daß das russische Kustargewerbe im Zeitalter des Imperialismus weit mehr als ein "Überrest des Feudalzeitalters" gewesen sei (S. 5f).

T. wertet zeitgenössisches Schriftum aus, das bis heute wenig beachtet worden ist. Neben den Sammelbänden der drei Kongresse der Kustaraktivisten, die 1904, 1910 und 1913 stattfanden, und den damals neugegründeten wissenschaftlichen Zeitschriften für das Kustargewerbe geht er vor allem auf mehrbändige Publikationen von Untersuchungskonmissionen und die Rechenschaftsberichte staatlicher Stellen (teilweise nur archivalisch überliefert) ein. Im ersten Kapitel identifiziert T. für das Ende des 19. Jhs. dreißig Kreis- und Gouvernementsgrenzen überschreitende Kustarregionen, die teils für den lokalen, teils für den fernen Absatz produzierten, und weitere zehn Kustarzentren sowie fünf "Manufakturfreiheiten" (slobody-rnanyfaktury), in denen das Kleingewerbe auf einige wenige Miffelpunktdörfer und Nachbarortschaften begrenzt blieb (eine genaue Auflistung findet sich auf S.275). Dabei stellt er eine Konzentration dieser Verdichtungszonen im zentralen Gewerbegebiet besonders im Umland der wichtigen Handelsplätze Moskau und Niznij Novgorod fest. Aber auch in Nordrußland (Archangelsk, Olonec, Novgorod, Pskov, Vologda), im Gouvernement Sankt Petersburg, im Ural und im Scnwarzerdegebiet (Tambov, Orlov, Samara, Saratov, Simbirsk, Voronez) hatten sich Kustarregionen und -zentren ausgebildet. Während im zentralen Gewerbegebiet und im Umkreis von St. Petersburg die hausindustriellen Produzenten zunehmend verlagsmäßig organisierte Auftragsarbeiten für industrielle Großunternehmen übernahmen, bewahrten die Kustary in der Peripherie, wo die überlegende Konkurrenz der Fabrik in vielen Branchen vorerst kaum spürbar war, ihre Marktpräsenz und Selbständigkeit (S. 32ff 271).

Im vierten Kapitel geht T. näher auf die Lage und die Entwicklung des Kleingewerbes während des ersten Weltkrieges ein. Er stellt heraus, daß im Rahmen der "kriegswirtschaftlichen Mobilisierung aller ökonomischen Ressourcen" und wachsender Versorgungsengpässe den Kustari wachsende volkswirtschaftliche Bedeutung zukam. Dieser erneute Aufschwung ging aber mit ihrer Integration in das "System der staatsmonopolistischen Steuerung der Rüstungsproduktion" einher (S.268).

Gegenstand des zweiten und dritten Kapitels ist die wachsende Einflußnahme des zarischen Staates auf die Entwicklung des Kleingewerbes schon vor 1914. Alexander III. ordnete 1888 per Ukaz an, das Kustargewerbe verstärkt zu erforschen und zu fördern (S.123). Eine erste ernüchternde Bestandsaufnahme machte die Versorgungs- und Absatzprobleme und den technischen Rückstand der ländlichen Hausindustrie evident. Angesichts des offenkundigen Modernisierungsbedarfs wurde ein spezielles "Kustarkomitee" in der Abteilung für Landwirtschaft und landwirtschaftliche Statistik eingerichtet (S. I23ff). In den heimgewerblichen Verdichtungszonen mischten sich die Zemstvobehörden mit Unterstützung aus St. Petersburg zunehmend in das Wirtschaftsleben und Marktgeschehen ein. Sie finanzierten Konsum-, Handels-, Absatz- und Produktionsgenossenschaften und gründeten Schulen, Musterwerkstätten und Museen.

Die aktive Förderungsmaßnahmen gingen anfänglich vor allem auf konservative sozialpolitische Motive zurück und waren Teil der zarischen Agrarpolitik. Neben der Einführung neuer Feldbausysteme und der Umsiedlung sah die russische Regierung im Aufschwung des Kleingewerbes eine weitere Möglichkeit, den sich aus dem raschen Bevölkerungswachstum ergebenden bäuerlichen Landmangel zu mildern. Wie sehr die "Kustarpolitik" von sozialpolitischen Zielsetzungen geleitet wurde, demonstriert T. am Beispiel des Urals. Hier hatte der wachsende "Landhunger" der Bauern und die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage der Hütten- und Bergwerke in den Gouvernements Vjatka und Perm' eine Krisensituation herautbeschworen. Staatliche Lokal- und Zentralbehörden versuchten daraufhin, mit der "Anpflanzung" und "Züchtung" neuer Kleingewerbe die finanzielle Situation der betroffenen Familien zu verbessern (S.l 89-200).

Nach 1901/2 zeigten leitende Regierungsbeamte ein wachsendes wirtschaftliches Interesse an der Entwicklung des Kustargewerbes. Sie hatten erkannt, daß die Entwicklung der Hausindustrie im Rahmen genossenschaftlicher Organisationen zur Einführung von Maschinentechnologie und zu einer höheren Produktivität bei besserer Warenqualität beitragen könnte. Sie hofften, so eine organische Entwicklung des traditionellen Kustargewerbes zum modernen Fabriksy stern zu erreichen (S.142-7).

Die Erfolge der staatlichen Kustarpolitik" schätzt T. skeptisch ein. Meist blieben die erwarteten Modernisierungsfolgen aus. So nutzten die Bewohner in den Hütten- und Bergbaubezirken des Urals die staatlicherseits "gezüchteten" Kustargewerbe, vorrangig um ihren Eigenbedarf zu decken. Sie setzten nur wenige Waren auf dem lokalen Markt ab, so daß die hausindustrielle Produktion ihre Subsistenzlücke nicht schließen konnte (S. 196 f). Selbst in zentralrussischen Kustarregionen, die über bessere Infrastrukturen verfügten und in den überregionalen Warenverkehr eingebunden waren, wurde die Pauperisierung und mitunter auch die Proletarisierung vieler Kleinproduzenten nur verzögert, aber keineswegs aufgehalten. Trotz bemerkenswerter Fortschritte sah T. das Kustargewerbe in der ausgehenden Zarenzeit in der Rolle "des reitenden Verfolgers eines davon brausenden Zuges" (5.273).

Ts. Forschungsleistung liegt darin, daß sich seine Darstellung nicht in ausführlichen Beschreibungen von Diskussionen, Projekten und Zielen erschöpft, sondern auch die wirtschaftlichen Realitäten des Kustargewerbes in den Blick nimmt. Seine Interpretationen überzeugen jedoch nicht. Er versteht "die Förderung des Kustargewerbes als Umsetzung des gutsherrlich-bourgeoisen Wegs, als eine Variante des preußischen Typs der agrarkapitalistischen Entwicklung" (S.219). Immer wieder konstruiert T. einen Gegensatz zwischen "gesellschaftlichen", von den Produzenten selbst ins Leben gerufenen Genossenschaften und "staatskapitalistischen genossenschaftlichen Zwangsvereinigungen" (5.268), die von Zemstvobehörden auf Anleitung des "Kustarkomitess" gegründet und geleitet wurden. Die zarische Regierung bevorzugte eindeutig die "Zemstvo-Variante", um die genossenschaftlichen Bewegung unter staatliche Kontrolle zu bringen. Private kooperative Organisationen seien deshalb nur selten gefördert worden. Bemühungen, die Aktivitäten der einzelnen Genossenschaften sinnvoll miteinander zu koordinieren, interpretiert T. als staatliche Interventionsversuche. So hätte der "progressive demokratische Kapitalismus" sein Entwicklungspotential nicht voll entfalten können. Vielmehr sei durch die "Verstaatlichung" der Genossen schaftsi dee die gesellschaftliche Eigeninitiative unterdrückt worden. Die Zemstvobehörden hätten als Machtorgane des lokalen Adels das Ziel verfolgt, mittels kooperativer Organisationen die Bauern weiter an die Scholle binden, um so die "halbleibeigene Agrarordnung" zu festigen (S.274).

T. übersieht, daß die Schwäche der privaten Genossenschaften keineswegs Folge einer zielgerichteten "Kustarpolitik" war. Vielmehr war der viel gerühmte "Assoziationsgeist" der russischen Landbevölkerung nur schwach entwickelt. Es fehlte nicht nur an den finanziellen Mitteln, sondern auch am Fachpersonal, um aus eigener Initiative genossenschaftliche Organisationen zu gründen und erfolgreich zu leiten. Das notwendige Expertenwissen fand sich nur im staatlichen Behördenapparat. Selbst jene von T. gepriesene "demokratische" Produktionsgenossenschaft der Schmiede in Pavlovo war von einem ehemaligen Regierungsbeamten ins Leben gerufen worden. Zwar ist aus dem Ural bekannt, daß nach 1907 der rechtsradikale "Bund des russischen Volkes" versuchte, Einfluß auf die Genossenschaftsbewegung zu nehmen. Daß die von Zemstvobehörden gegründeten kooperativen Organisationen zu einem verdeckten "Kapitalismus der Gutsherren und Schwarzhundertschaftler" (S. 185) führten, läßt sich aber daraus kaum schlußfolgern. Es waren vor allem die wachsende dörfliche Intelligenz und die Produzenten selbst, die sich als "Kustarenthusiasten" hervortaten. Die soziale Zusammensetzung der Zemstvobehörden und der Genossenschaftsleitung war weit heterogener, als T. glauben macht. Die Gründe dafür, warum die Entwicklung des Kustargewerbes trotz allen staatlichen und gesellschaftlichen Einsatzes ein "schmerzlicher und dramatischer Überlebenskampf blieb, können nicht auf konservative sozial politische Zielsetzungen der staatlichen Kustarpolitik" zurückgeführt werden. In einzelnen Passagen, in denen T. die Probleme einzelner Branchen und ihrer genossenschaftlichen Organisationen schildert, wird deutlich, wie unzureichende Infrastruktur- und Marktbedingungen lokale Machtkonstellationen und der technische Rückstand des Kleingewerbes zu unüberwindbaren Modernisi erungshemmni ssen wurden Hier hätte die Analyse verstärkt ansetzen müssen.

 

Tübingen, Klaus Gestwa

 

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