Thomas Tartsch: Denn der Mensch ist ein Raubtier. Eine Einführung in die politischen Schriften und Theorien Oswald Spenglers. 202 S., Verlag Books on Demand, Norderstedt 2001.

 

Lohnt eine Beschäftigung mit Oswald Spengler, dem vermeintlichen Philosophen des Untergangs und Stichwortgeber des Nationalsozialismus? Von dessen zahlreichen Schriften ist heute allein "Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte" noch einem größeren Publikum bekannt. Für eine Befassung spricht die neu entstandene Debatte um einen Kulturzerfall und Kampf der Zivilisationen. Verstärkt durch die Ereignisse des 11. Septembers sind die Gegensätze zwischen westlicher und islamisch geprägter Zivilisation zur zentralen Ursache der die Zukunft beherrschenden Weltkonflikte erklärt worden. Dabei nehmen die neuen Theoretiker des Untergangs oder des Kulturkampfes durchaus Kenntnis vom weiland ebenso populären wie ernst genommenen Vorläufer (Huntington 1996, Nolte, 1998). Spengler vermag zweierlei: einerseits ist er prominentes Beispiel, um Risiken für den Rechtsstaat aufzuzeigen, die von politischen Schriftstellern dieser Couleur ausgehen; andererseits ist er Mahner vor den drohenden Gefahren gesellschaftlicher Umbrüche.

Es ist Tartsch' Absicht, die Aktualität gegenwärtiger politischer Entwicklungen zum Anlaß zu nehmen, Werk und Wirken Spenglers zu bewerten, dabei Irrtümer auszuräumen, vor allem aber auch des Autors Sichtweise und Interessen aus dessen Biographie und Zeiterleben heraus zu erklären. Folglich befaßt sich der erste Teil seiner Schrift mit der Vita Spenglers vor dem Hintergrund dessen Politikerleben. Die familiären Verhältnisse, in denen Spengler aufwächst, werden wegen ihrer Gegensätze als bedrückend empfunden. Kleinbürgerlicher Ordnung und Enge, verkörpert durch den Vater, steht der verhinderte Genius der chaotischen und unzufriedenen, einer Künstlerfamilie entstammenden Mutter entgegen. Der ein Leben lang kränkelnde Oswald ist begabt und besucht die Schule der Franckeschen Stiftungen in Halle, wohin die Familie übergesiedelt war. In dieser Einrichtung spürt er abermals prägend den Zwiespalt der Moderne: Gelehrsamkeit in künstlich-idyllischer Umgebung hier und kalte Fabrikstadtatmosphäre dort. Spengler verfolgt seine Bildungsinteressen zielstrebig, wird aber von Mißerfolgen heimgesucht. Die Vorbereitung auf eine Tätigkeit als Gymnasiallehrer soll durch die Promotion als Dr. phil. gekrönt werden, gelingt aber erst im zweiten Durchgang mit "rite". Der Tod des Vaters wird traumatisch verarbeitet. Nach kurzer Tätigkeit im Schuldienst quittiert Spengler den Dienst. Als 32jähriger beschließt er freier Schriftsteller zu werden (S. 9 ff). Die politischen Umbrüche erlebt er mit großem Interesse. Seine Erfolge als Autor bringen die genutzte Chance, Kontakte zu Politik- und Bildungsprominenz herzustellen. Spengler ist bestrebt, seine wissenschaftlich gewonnenen Einsichten in politische Empfehlungen umzusetzen.

Tartsch entwickelt mit der Aufzählung der Geschehnisse jener Zeit die Folie, auf der Spengler die Fundamente eines strebsamen, allerdings von unterschiedlichem Erfolg belohntem literarischen Schaffens gießt. Sein frühes Buch "Preußentum und Sozialismus" ist 1919 eine Kampfansage an die Weimarer Republik (S. 38). 1918 ist der erste Band des "Untergang des Abendlandes" erschienen, an dem Spengler seit 1911 gearbeitet hatte. Mit dem überragenden Erfolg des voluminösen und ambitiösen Werkes ist Spengler wirtschaftlich saturiert und zugleich prominent. Das Buch galt als literarische Sensation und wird bis heute verlegt. Der zweite Band erscheint 1922, kann aber nicht an den Erfolg des ersten anknüpfen.

Mit wissenschaftlichem Ernst und großer Belesenheit verfolgt Spengler hier das Ziel, eine Universaltheorie der Kulturen zu begründen. "Jede Kultur besitzt den gleichen Rang, die gleiche Lebensdauer und den gleichen Ablauf der Geschichte. Jede hat eine Lebensdauer von ca. 1000 Jahren" (Spengler, zit. Nach Tartsch, S. 95). Die Kultur des Abendlandes sei die vorläufig letzte von acht bisherigen Weltkulturen (er nennt als weitere in historischer Reihenfolge: Babylon, China, Ägypten, Indien, Mexiko, Arabien, Antike), deren Entwicklung stets in vorhersehbaren Phasen erfolge, nach dem organisch bedingtem Muster von Jugend, Reife und Niedergang und schließlich völligem Verschwinden. Mit einer ins Detail verliebten Fülle historischer Belege sucht Spengler nachzuweisen, dass in allen Kulturen die gleichen Entwicklungsstadien durchschritten werden. Am Ende stehe immer die Stufe der "Zivilisation", die durch Künstlichkeit und Technik gekennzeichnet sei, zugleich aber den Niedergang einer Kultur bedeute.

Tartsch vermittelt in der gebotenen Kürze einer Einführung einen nachvollziehbaren Gang durch die Hauptwerke Spenglers. Er enthält sich nicht kritischer Bewertungen und Hinweise auf Irrtümer. Ein Irrtum betrifft Spenglers politische Wirksamkeit. Er will politischer Planer und Berater sein, hält er doch die verbliebenen 300 Jahre der abendländischen Kultur für gestaltbar, im Sinne der Wiederherstellung "deutscher Größe". Trotz Affinitäten zu den Nationalsozialisten war - wie Tartsch zeigt - der Einfluß Spenglers auf die Neugestaltung des politischen Systems letztlich gering. So verstand er sich zwar in "Neubau des deutschen Reiches" (1924) als scharfer Kritiker des Parlamentarismus und als Baumeister eines "monarchischen" Deutschen Reiches; dem wieder zu einem "angemessenen Platz in der Geschichte zu verhelfen" sei (S. 128). Auch mit seinen Forderungen an die Jugend dürfte er konform mit den künftigen Machthabern gehen, denn, die "Fähigkeit zu Hassen ... (könne) ... endlich für die Zukunft bürgen", wie er 1924 in einer Rede an die deutsche akademische Jugend gesagt hatte (S. 132). Doch damit wurde er nicht zum "Stichwortgeber des Nationalsozialismus" (S. 189). Vielmehr waren die politischen Absichten des rechten Theoretikers den braunen Machthabern bald suspekt, auch wegen dessen Kritik an ihrer Rassenideologie (S. 137/146). Schon im August 1933 gab es eine Pressekampagne gegen Spengler, und im Dezember desselben Jahres erklärte Goebbels ihn zur "Persona non grata" (S. 87). Obwohl Spengler auch weiterhin den Kontakt zur politischen Führung suchte, verhehlte er nicht tiefe Abscheu. 1935 - ein Jahr bevor Spengler noch nicht 56jährig stirbt - ist Hitler für diesen nur noch der "Prolet-Arier", die NSDAP die "Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen" (S. 91), vor deren Demagogie er in "Jahre der Entscheidung" (1933) gewarnt hatte.

Ein Zurechtrücken des Spengler-Bildes ist gelungenes Anliegen der ersten Buchveröffentlichung von Tartsch, der man eine sorgfältigere Endredaktion zur Vermeidung von Rechtschreibfehlern gewünscht hätte. Mit beachtenswerter Literaturkenntnis und Analysefähigkeit versteht er es, das Scheitern des zwar umfassend gebildeten, methodisch sorgfältigen, in seiner Zeit und seinem Erleben aber gefangen bleibenden Erfolgsautors darzustellen. Dessen Grundanliegen, in Zeiten umfassender gesellschaftlicher Umbrüche Gefahren des Niedergangs aufzuzeigen, scheint heute vielen nicht weniger aktuell als damals. Denn - so Spengler - in "Der Mensch und die Technik..." (1931): "Der Mensch ist ein Raubtier".

 

Bochum, Frank Thieme

 

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