Michael Wagner: England und die Französische Gegenrevolution, 1789-1802. VII + 348 S., R. Oldenbourg Verlag, München 1994.

 

Die historiographische Debatte über Ursachen, Verlauf und Folgen der Großen Französischen Revolution ist beinahe so alt wie die denkwürdigen Ereignisse des Jahres 1789 selbst. Dabei stand und steht das, was man sozusagen als die Innenpolitik der Revolution im weitesten Sinne bezeichnen könnte, im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Es ging eigentlich immer um den Charakter dieser Revolution.

Doch die außenpolitischen Aspekte der Revolutionsjahre, die nach 1792/93 in den ersten wirklichen Weltkrieg der Geschichte mündeten, fanden dabei erstaunlich wenig Beachtung.

Die Mainzer Dissertation von Michael Wagner unternimmt den Versuch, diese Lücke im Hinblick auf Großbritanniens Außenpolitik zu schließen. Auf der Grundlage des neuesten Forschungsstandes und intensiver Archivarbeit werden in detaillierter und überzeugender Weise der Gang dieser Politik und die innerbritischen Auseinandersetzung über die richtige Strategie gegen Frankreich nachgezeichnet. Dabei war die vorliegende Arbeit ursprünglich als eine Studie über die royalistische Emigration in Großbritannien geplant. Dies merkt man dem Endergebnis immer noch an, denn die Untersuchung der französischen Gegenrevolution nimmt einen breiten Raum ein. Gerade hieraus aber ergibt sich ein fruchtbarer Ansatz, der auch für die angelsächsische Forschung neu sein dürfte. Wagners Arbeit analysiert nämlich die britische Frankreichpolitik vor allem vor dem Hintergrund des Spannungsfeldes zwischen britischen Außenpolitikern und französischen Gegenrevolutionären. Schärfer denn je treten dabei Hintergründe und Zielsetzung des britischen Vorgehens zutage. Vor allem die merkwürdige Widersprüchlichkeit und mangelnde Effizienz der britischen Kriegsstrategie wird auf diese Weise verständlicher.

Nicht nur in der französischen Historiographie hält sich bis heute das Gerücht, die britische Regierung habe ab 1793 einen systematischen Vernichtungskrieg gegen das Revolutionäre

Frankreich geführt. Diese Auffassung basiert auf den Schriften Edmund Burkes, der ab 1790 genau diesen Vernichtungsfeldzug propagierte und sich mit seiner beißenden Kritik der Revolution zu einer Art Chefideologe der konservativen Gegenrevolution aufschwang. Tatsächlich scheinen zahlreiche Reden führender britischer Politiker sowie eine Unmenge antirevolutionärer Zeitungsartikel und Pamphlete, die häufig von offizieller Seite inspiriert waren, zu bestätigen, daß zumindest die Regierung William Pitts eine ideologisch motivierte Strategie gegen Frankreich verfolgte und damit auf gänzlich neuartige Weise Krieg führte. Doch Wagner demonstriert, daß dieses Bild nur das Ergebnis einer oberflächlichen Betrachtung ist.

Tatsächlich stellten Burke, sein Schüler Windharn und die anderen Burkianer nur eine kleine, isolierte Gruppe in der politischen Landschaft dar. Ihre ideologischen Verdammungsurteile waren in den Augen vieler Mitglieder der herrschenden Eliten vielleicht "politisch korrekt", doch ihre Resonanz war begrenzt und ihr Einfluß auf die Vorgehensweise der Verantwortlichen eher gering. Die Forderungen von Burke und Windharn nach massiver Unterstützung für die französische Gegenrevolution, zu deren Lobbyisten sie sich machten, wurden niemals erfüllt. Meist war die britische Hilfe für französische Royalisten und andere Oppositionelle eher lau. Die direkte Waffenhilfe für die Aufständischen in der Vendee und in der Bretagne blieb begrenzt und erfolglos. Vor allem aber war die britische Regierung zur Empörung der Burkianer zu keinem Zeitpunkt bereit, die rückhaltlose Restauration des Aneigne Regimes in Frankreich zum obersten Kriegsziel zu erklären. Statt dessen wurden primär wirtschafts- und machtpolitische Interessen innerhalb und außerhalb Europas verfolgt.

Warum das so war, wird von Wagner intensiv untersucht. Grundsätzlich blieb Großbritannien in jener Zeit ein aristokratisch beherrschter Handelsstaat mit globalen Interessen, wie Wagner ausführt (S.319). Die Bedürfnisse dieses Staates und der in ihm versammelten Interessen der gesellschaftlichen Eliten besaßen für die politische Führung Vorrang vor ideologisch reinen Konzepten. Selbst von der Französischen Revolution inspirierte Widerstandsbewegungen in den Mittel- und Unterschichten veranlaßten die Regierung nicht, auf die radikalen gegenrevolutionären Vorstellungen der Burkianer einzugehen. Brutale Repression nach innen genügte, um eiskalter Machtpolitik nach außen den nötigen Handlungsspielraum zu verschaffen. Im Grunde verkannte die Regierung Pitt sogar trotz der Revolution auf der traditionellen Machtpolitik des 18. Jahrhunderts und versuchte, die Ereignisse in und um Frankreich zum Ausbau der britischen Position in der Welt zu nutzen. Die britische Politik war somit generell dem Verhalten der konservativen Mächte Kontinentaleuropas nicht unähnlich.

Aber im Rahmen dieser Generallinie bestanden erhebliche Meinungsunterschiede innerhalb der Regierung. So vertrat "Superminister" Henry Dundas, der Freund und Saufkumpan Pitts, eine ganz traditionelle Politik, die auf die Strategie von Pitts Vater zurückging:

Jeder Konflikt, jeder Krieg in Europa sollte ausgenutzt werden, um die weitere Expansion in Übersee voranzutreiben. Dundas war der Mann, der dauernd Welteroberungspläne schmiedete und damit zu einem der Hauptprotagonisten in der Geschichte des britischen Imperialismus wurde.

Dem widersetzte sich Außenminister William Grenville, der die britische Kriegsstrategie auf Europa konzentrieren wollte. Im Bündnis mit anderen Mächten beabsichtigte er, den gefährlichen kontinentalen Machtzuwachs Frankreichs zu brechen und diesen Erzrivalen auf Dauer zu schwächen. Hierzu erschien es ihm sinnvoll, gelegentlich mit den Gegenrevolutionären zu paktieren. Doch dies war im Gegensatz zu den Vorstellungen der Burkianer keine ideologische Politik. Er strebte nicht etwa die Vernichtung der Revolution an, sondern wollte sie nur "beenden". Im Falle des Sieges konnten die Bourbonen zwar restauriert werden, aber nicht mehr im absolutistischen Sinne, sondern nur noch im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie, die die positiven Errungenschaften der Revolution, etwa auf dem Gebiet des Rechts, anerkannte. Auch wenn Grenville, stärker als Dundas, die Realitäten der Revolution in seinem Konzept berücksichtigte, so handelte er doch immer noch unter vornehmlich machtpolitischen Gesichtspunkten. Für ideologische Kriegführung blieb auch hier wenig Raum.

Wie der britisch-kanadische Historiker Eduard Ingram gezeigt hat, konnte sich Pitt zwischen diesen beiden Strategien seiner Minister niemals klar entscheiden. Großbritannien verfolgte deshalb eine unheitliche Politik, die alles gleichzeitig erreichen wollte und deshalb bis zum Jahre 1802 an fast allen Fronten scheiterte. Pitts Nachfolger mußte demgemäß den für Großbritannien so unvorteilhaften Frieden von Amiens abschließen. Erst die Fortführung der Abenteuerpolitik Bonapartes eröffnete neue Chancen, die im Endeffekt den britischen Sieg ermöglichten. Mit der konstitutionell begrenzten Restauration der Bourbonen 1814/15, die Lord Castlereagh maßgeblich beeinflußte, setzte sich Grenvilles Konzept schließlich doch noch durch.

All dies und vieles mehr wird in Wagners beeindruckender Arbeit ausführlich belegt. Dabei spannt der Autor den Bogen von der anfänglichen schadenfrohen Zurückhaltung der britischen Führung gegenüber der scheinbar selbstzerstörerischen Revolution beim Erzrivalen, über die ersten zaghaften Gehversuche im Krieg, die zumeist lauwarme Unterstützung für die Gegenrevolution, bis hin zu den widersprüchlichen Kriegsstrategien der Regierung Pitt. Besonders hervorzuheben sind Wagners Ausführungen über die kurzlebige britische Herrschaft auf Korsika, die eben nicht im Zeichen gegenrevolutionärer Ideologie stand, und über die Operationen in der Karibik. Hier gab es tatsächlich eine relativ intensive Zusammenarbeit mit gegenrevolutionären Kollaborateuren vor allem auf SamtDonüngue (Haiti). Doch standen auch in diesem Zusammenhang die macht- und handelspolitischen Interessen Großbritanniens im Vordergrund. Wagners Einschätzung der britischen Politik in diesem Raum charakterisiert vielleicht überhaupt den Kern des Londoner Vorgehens: "... die britische Regierung führte in der Karibik mit den Mitteln der 1790 er Jahre einen Krieg, der nicht 1793 begonnen hatte, sondern 1689" .

Gegenüber vergleichbaren angelsächsischen Untersuchungen (etwa den Arbeiten Ingrams und Mackesys) besitzt Wagners Studie obendrein den Vorteil, daß Außen- und Innenpolitik eng verzahnt werden. Ausführlich wird den Debatten über die Kriegsstrategie in Öffentlichkeit und Parlament nachgegangen. Die intensive Auswertung von Parlamentsreden und Pamphleten macht dabei erneut deutlich, wie gering der Einfluß der Burkianer letztlich doch war. Zumindest im Regierungslager und in der von diesem inspirierten veröffentlichten Meinung überwogen machtpolitische Überlegungen bei weitem. Selbst die Opposition der Whigs argumentierte realpolitisch und nicht ideologisch. Von daher liegt der Schluß nahe, daß Großbritanniens politische und gesellschaftliche Elite, bei allen sonstigen Gegensätzen, primär rationalistisch im Sinne kalter Interessenpolitik dachte. Welche diese Interessen im einzelnen waren, dazu gibt Wagner jedoch zu wenig Hinweise.

Hier wäre eine Analyse des politischen und gesellschaftlichen Herrschaftssystems hilfreich gewesen, die aufgrund der einschlägigen Literatur die Machtstrukturen jener Oligarchie aus Landbesitz und Handelskapital offengelegt hätte, die Großbritannien im Sinne des "gentlemanly capitalism" (Cain/Hopkins) kontrollierte. An dieser Stelle lagen doch wohl die Wurzeln für die Unmöglichkeit eines ideologisch bestimmten gegenrevolutionären Kreuzzugs. Nackte Interessenpolitik von Personen und Gruppen charakterisierte die britische Politik von London bis nach Kalkutta, von Jamaika bis nach Australien. Die Widersprüche dieser Interessen schufen die Widersprüche in der britischen Kriegsstrategie. Doch für Ideologie war dabei kein Platz. Was zählte, waren die Bilanzen, Ehrungen, Nobilitierungen und Preisgelder. Ein solches System war heterogen und häufig ineffizient, aber im Endeffekt derart dynamisch, daß es sogar der Französischen Revolution und Napoleon widerstehen konnte. Wagners ansonsten ausgezeichnete Arbeit bleibt an diesem einen Punkt an der Oberfläche. Doch liefert sie eine hervorragende Grundlage für weitergehende Überlegungen und ein Vorbild für die dringend notwendige Wiederaufnahme der Forschungen zu außenpolitischen Aspekten im Umfeld der Französischen Revolution.

 

Bern, Stig Förster

 

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