Alexis Weedon: Victorian Publishing. The Economics of Book Production for a Mass Market 1836-1916. 212 S., Ashgate, Aldershot 2003.

 

Wenn der Buchhandel gegenwärtig über Gewinneinbußen klagt, hat das neben konjunkturellen auch strukturelle Gründe, verändert sich der Buchmarkt doch allein schon durch Konkurrenz anderer Medien grundlegend. Eine ähnlich gravierende Umbruchphase erlebte der literarische Buchmarkt Großbritanniens, den Alexis Weedon ins Zentrum ihrer Studie stellt, im 19. Jahrhundert. Bis weit nach der Jahrhundertmitte war es üblich, neu erscheinende Romane nach Vorabdrucken in Zeitschriften als dreibändige, exklusive Ausgaben auf den Markt zu bringen, die vor allem von Bibliotheken und Liebhabern erstanden wurden. Erst mit deutlicher Zeitverzögerung erschienen billigere einbändige Ausgaben für einen größeren Leserkreis. Dies änderte sich, als durch Bevölkerungszunahme und Bildungsexpansion im späten 19. Jahrhundert die Nachfrage nach billigen Ausgaben zunahm. Viele Verlage reagierten, indem sie frühzeitig preisgünstige Versionen ihrer populären Titel herausgaben, deren Absatz damit noch zusätzlich angeheizt wurde. Zugleich sanken dadurch aber die Verkaufszahlen der teureren Ausgaben - sehr zum Unwillen mancher Autoren, die ihr Auskommen über die Gewinnbeteiligung an ihren Werken fanden.

Im Mittelpunkt von Weedons Studie steht die Frage, wie es den Verlagen gelang, trotz sinkender Gewinnspannen profitabel zu arbeiten. Kurz gesagt: Vielen gelang es nicht. Die potentiell erhöhten Absatzzahlen reichten nicht immer aus, um die engeren Gewinnmargen und "Flops" auszugleichen. Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten (z. B. während einer Bankenkrise 1866/67) mußten viele Verlage schließen. Erfolgreiche Verlage überlebten dagegen durch eine deutliche Senkung der Produktionskosten. Dabei waren es noch nicht einmal die Lohnkosten, die generell zurückgegangen wären, sondern die Verlage profitierten von der Aufhebung der Abgaben auf Papier, dessen billigere Herstellungsverfahren sowie Kostenersparnissen bei Satz- und Reproduktionskosten. Schon ab dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts begann auch der Verkauf von Filmrechten eine beachtenswerte Rolle zu spielen. Zudem berücksichtigt Weedon ausführlich die Initiativen der Verlage, sich einerseits den kolonialen Markt (insbesondere Indien und Australien) zu erschließen und andererseits in der Produktion von akademischen und schulischen Lehrbüchern Fuß zu fassen - letzteres ein Markt mit manchen Besonderheiten: Die Verlage mußten große Anstrengungen unternehmen, um ihre Titel bei den Schulbehörden durchzusetzen. War dies aber einmal geglückt, versprach dies auf Jahre, oft Jahrzehnte hinaus einen verläßlichen Absatz; Schulbücher wurden nur relativ selten ausgetauscht, sondern eher durch Neuauflagen ersetzt. Weedon untersucht die Kalkulationen der Verlage auf der Grundlage einer von ihr erstellten Book Production Cost Database, in der sie Daten von ausgewählten britischen Verlagen nach einem vorher erarbeiteten Formular sammelte. Bei der Vorstellung dieser Datenbank erfährt der Leser viel über die Quellenprobleme bei der statistischen Erfassung des Buchmarkts: Von staatlicher Seite erstellte Übersichten existieren erst seit dem frühen 20. Jahrhundert. Für das 19. Jahrhundert muß man weitgehend mit indirekter Überlieferung arbeiten, z. B. mit den Einnahmen aus der Papiersteuer. Bedeutender für die Studie sind daher die in den Verlagen selbst überlieferten Geschäftsunterlagen. Auch diese sind aber alles andere als vollständig. Zudem hatte jeder Verlag sein eigenes Buchführungssystem - eine gewisse Standardisierung setzte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein. Dies war auch nötig, um auf die Veränderungen des Buchmarktes zu reagieren. So führten viele Verlage jahrzehntelang keine Aufzeichnungen über die tatsächlich verkauften Exemplare der Auflage eines Titels. Je bedeutender die Publikation verschiedener, auf verschiedene Marktsegmente zugeschnittener Ausgaben eines Titels aber wurde, um so wichtiger wurde es für die Verlage, einen Überblick über die noch in den Regalen der Buchhändler lagernden Restbestände zu gewinnen, da sonst die kostengünstigere Neuausgabe die Restbestände in totes Kapital verwandelte. Für Leser, die nicht primär an der wirtschaftsgeschichtlichen Dimension des Themas interessiert sind, ist Weedon vor allem an den Stellen interessant, an denen die Wechselwirkungen von ökonomischen Erwägungen und literarischer Produktion analysiert werden. So wuchs der Druck auf Autoren, "massentaugliche" Bücher zu schreiben, die eine billige Ausgabe lohnend erscheinen lassen würden. Am Beispiel von Wilkie Collins und Ouida - zwei zu ihrer Zeit recht populären Schriftstellern - zeigt Weedon, wie Autoren nach Abflauen ihres größten Erfolges unter Druck standen, ein gewinnbringendes Werk zu produzieren, um frühere Titel, die nur eine schmalere Leserschaft ansprachen, im Druck halten zu können.

Den Großteil der Studie nehmen allerdings nicht solche kulturhistorischen Querverbindungen zwischen Buchproduktion und Literatur ein, sondern die Veränderungen in den Produktionsgrundlagen der Verlage. So erfährt man außer beiläufigen Hinweisen auch nichts über die direkten ökonomischen Zusammenhänge bei den Veröffentlichungen einzelner bekannter viktorianischer Autoren, wie Charles Dickens, George Eliot oder Anthony Trollope, da es der Autorin nicht um Einzelfälle, sondern um generalisierbare wirtschaftsgeschichtliche Trends geht. Ergänzt wird der Band durch einen ausführlichen Anhang, in dem sich unter anderem kurze Abrisse der Geschichte von auch heute noch bedeutenden Verlagshäusern, wie Macmillan oder Chatto & Windus, finden.

 

Darmstadt, Detlev Mares

 

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