Tom Wells: The War Within. America's Battle over Vietnam. With a Foreword by Todd Gitlin. XVII + 706 S., University of California Press., Berkeley-Los Angeles-London 1994.

 

Die Erforschung des Vietnamkriegs hat in den beiden Jahrzehnten nach seinem Ende einen enormen Aufschwung genommen. Neben die "klassischen", teils schon während des Krieges publizierten und meist von Journalisten geschriebenen Werke wie David Halberstams Epos vom Scheitern der technokratischen Intelligenz "The Best and the Brightest" sind zahlreiche neue Darstellungen und eine Fülle archivalisch abgestützter Einzelstudien getreten. Auch in der Reihe der "Foreing Relations of the IJnited States", der regierungsamtlichen Aktenpublikation zur US-Außenpolitik, liegen inzwischen einige wichtige Bände zur Vorgeschichte und Frühphase der amerikanischen Intervention vor, die nun mit den verschiedenen Editionen der Pentagon-Papiere die grundlegende Dokumentation zur Geschichte des Krieges bilden.

Das sich verdichtende Gesamtbild des Indochinakrieges weist gleichwohl noch markante Lücken auf. Die Forschung hat sich bisher vorwiegend auf zwei Schwerpunkte konzentriert, nämlich zum einen auf die Rekonstruktion der regierungsinternen Entscheidungsprozesse und ihrer sicherheitspolitischen Grundlagen sowie zum anderen auf die militärische Verlaufsgeschichte des Krieges (wozu insbesondere die Historical Divisions der einzelnen Waffengattungen wichtige Beiträge geleistet haben). Demgegenüber blieben etwa der gesamte Komplex der süd- und insbesondere nordvietnamesischen Perspektive oder auch der internationale Rahmen des Konflikts vergleichsweise unausgeleuchtet. Ähnliches gilt für die innenpolitische Dimension des Krieges und seine Rückwirkungen in den Vereinigten Staaten; vor allem die Antikriegsbewegung als ungefeierter Sieger der Auseinandersetzung um Sinn und Legitimität der US-Intervention war lange Zeit ein Stiefkind der Forschung.

In seiner umfänglichen Studie unternimmt Tom Wells den Versuch, diese Forschuingslücke zu schließen und die Geschichte jenes "inneren Krieges" zu schreiben, der die amerikanische Gesellschaft auf seinem Höhepunkt stärker als jedes andere Ereignis dieses Jahrhunderts gespalten hat. Reiches Archivmaterial und eine eindrucksvolle Zahl von Interviews bilden das Fundament seiner Darstellung, die den Ehrgeiz hat, den "inneren Krieg" gegen den äußeren umfassend darzustellen, historisch zu strukturieren und einzuordnen.

Das ist alles andere als einfach, denn die Antikriegsbewegung erweist sich in ihrer disparaten Vielschichtigkeit und ihrem kontraproduktiven Faktionalismus als ein Forschungsgegenstand, der sich in nahezu jeder Phase der innenpolitischen Auseinandersetzungen neu und anders konstituiert. Über seinen Charakter, seine Motive, sein Handeln und seinen konkreten Einfluß auf den Kriegsverlauf sind dehalb nur schwer generalisierende Aussagen zu gewinnen. Die Darstellung kann sich zwar am chronologischen Gerüst der innenpolitischen Debatte von der Eskalation des Krieges 1965 bis zum Einmarsch der nordvietnamesischen Truppen in Saigon im April 1975 orientieren, muß aber aus einer Vielzahl kleiner und kleinster Steine das Mosaik einer Bewegung komponieren, die als Einheit im Sinne einer zentral koordinierten Gruppe niemals existiert hat, Das nötigt dem Leser einige Konzentration und Geduld ab, eröffnet ihm aber auch die Möglichkeit, die politische Formation der US-Gesellschaft in einer ungewöhnlich dichten Beschreibung studieren zu können.

Zu den interessantesten Ergebnissen Wells' gehört zweifellos die von ihm vielfach belegte Spannung zwischen einer wachsenden, in alle gesellschaftlichen Bereiche expandierenden Ablehnung des Krieges und den anhaltenden Versuchen ihrer ideologischen Instrumentalisierung und Vereinnahmung durch eine selbsternannte Avantgarde. Jene Kriegsgegner, die im Vietnamkrieg keinen korrekturbedürftigen Fehler des "Systems" sahen, sondern einen Beweis für die moralische Notwendigkeit seiner Beseitigung, allen voran die trotzkistische "Socialist Workers Party" (SWP), trugen durch ihren Anspruch auf die alleinige politische Führung der Protestbewegung nicht nur zu deren Diskreditierung durch die Regierung und ihre Organe bei, sie waren zugleich maßgeblich dafür verantwortlich, daß sich die Antikriegsbewegung in ideologischen Schattenkämpfen zersplitterte, während ihre populäre Basis paradoxerweise immer stärker wurde. Es ist wahrscheinlich, daß das wichtigste Ziel der Bewegung, die Beendigung der amerikanischen Intervention in Vietnam, ohne diese Reibungsverluste früher erreicht worden wäre.

Gleichwohl war die Bewegung erfolgreich und vtelleicht sogar "the most successful antiwar movement in hislory" (S.579). Ihr Beitrag zur Beendigung des Krieges läßt sich nicht exakt messen und bestimmen, aber er darf keinesfalls unterschätzt werden. Der Legitimationsdruck, unter den die Vietnampolitik der Johnson- und später der Nixon-Administration geriet, spielte für die Entscheidung zur Deeskalation und "Vietnamisierung" des Krieges eine wesentliche Rolle, die nicht zuletzt auch die von Wells interviewten Regierungsvertreter mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit hervorheben. Auch die zunehmend aggressiveren- und verfassungsrechtlich hochproblematischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Kriegsgegner, die von den Präsidenten Johnson und Nixon für notwendig erachtet wurden, spiegeln das Gewicht, das der Antikriegsbewegung im Ringen um die politischen Handlungsspielräume beigemessen wurde.

Schließlich bleibt als ein weiteres Ergebnis der Forschungen Wells' festzuhalten, daß die Antikriegsbewegung trotz ihrer systemkritischen Begleitmusik und einer unverkennbaren Tendenz zur Radikalisierung in ganz erheblichem Maße auch von solchen gesellschaftlichen Kräften mitgetragen wurde. die nicht aus ideologischen Motiven, sondern aus christlichen, humanitären oder moralischen Beweggründen der Regierung den Gehorsam verweigerten. Diese Menschen, die vorübergehend aus einer konformen, unpolitischen Anonymität heraustraten und nach dem Krieg wieder in sie zurücksanken, sind die eigentlichen Helden einer Politik von "unten", deren Geschichte Wells auf imponierende Weise anschaulich macht. In dieser ebenso sorgfältigen wie sensiblen Rekonstruktion einer schließlich alte Schichten und Sektoren der Gesellschaft umspannenden Protestbewegung liegt das Verdienst seiner Untersuchung, die nicht nur als ein gewichtiger Beitrag zur Erforschung des Vietnamkrieges, sondern auch zur Geschichte und Analyse des zivilen Ungehorsams gelten darf.

 

München, Detlef Felken

 

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