Zelnik, Reginald E.: Law and Disorder on the Narova River. The Kreenholm Strike of 1872, 308 ­S., California UP, Berkeley 1995.

Zelnik schildert die Arbeiterunruhen in einer der damals größten europäischen Textilfabriken vor den Toren von Narva. Die Auseinandersetzungen wurden 1872 für die sich langsam formierende russische Öffentlichkeit, aber vor allem für die Repräsentanten der staatlichen Bürokratie zu einem Fanal drohender gesellschaftlicher Turbulenzen. Bis zu 5000 Beschäftigte der Kreenholm-Fabrik beteiligten sich an einem Aufstand, der, ausgelöst durch eine Cholera-Epidemie, den Einsatz russischer Truppen in Regimentsstärke nach sich zog. Der Konflikt führte zur Formulierung von Forderungen, die zentrale Aspekte des Arbeiterschutzes betrafen. Die Konfrontation eskalierte nicht bis zum Schußwaffengebrauch, dennoch gelangten die katastrophalen hygienischen Verhältnisse und Arbeitsbedingungen in der Fabrik an die Öffentlichkeit.

Zelniks Arbeit ist eine Mikrostudie im besten Sinne. Estnische und petersburger Archivmaterialien sowie zeitgenössische Periodika bilden die Quellenbasis. Dem Verfasser gelingt mit seiner eindringlichen, straffen Schilderung ein bedrückendes Bild der Lebenswelten estnischer und russischer Fabrikarbeiter an der Peripherie des russischen Reiches. Schon dieses Ergebnis rechtfertigt die Mühe der Untersuchung. Der Kreenholmer Streik dient aber darüberhinaus zur Analyse des autoritären Selbstverständnisses der Firmenleitung, einer sich verändernden Realitätswahrnehmung der Arbeiter sowie reformerischer Positionen der Staatsmacht. Der Aufstand von 1872 fand noch vor der allgemeinen Politisierung der russischen Industriearbeiterschaft statt und trug weitgehend den Charakter eines spontanen Arbeitskampfes. Das Verhalten der Aufständischen war bestimmt vom traditionellen Rechtsverständnis des russischen Dorfes. Die Direktion, welche angesichts der sich ausbreitenden Cholera ihrer paternalistischen Sorgepflicht gegenüber den Schutzbefohlenen nicht nachkam, sah sich dem Vorwurf „unmenschlichen“ Verhaltens ausgesetzt. Anhand der Auseinandersetzungen werden aber auch die strukturellen Probleme deutlich, mit denen die zarische Bürokratie bei der Durchsetzung ihrer Reformprojekte zu kämpfen hatte. Die Kreenholm-Fabrik war einerseits ein Aushängeschild engagierten Unternehmertums und symbolisierte den Erfolg staatlicher Modernisierungsanstrengungen. Andererseits bildete sie, ähnlich wie die Institution der bäuerlichen obscina, eine rechtliche und soziale Einheit, die sich der staatlichen Administration weitgehend entzog. Zwischen den Gouvernements Estland und St. Petersburg am Finnischen Meerbusen gelegen, stand die Grenzregion um Narva in deutscher Rechts- und Verfassungstradition. Die Dominanz lokaler Eliten sowie der Einfluß deutscher Unternehmer bildeten ein weiteres Spezifikum. Zelnik zeigt, dass manche Vertreter der zarischen Judikative, aber auch mit dem Aufstand konfrontierte Polizei- und Truppenkommandeure, durchaus Verständnis für die Situation und den Protest der Arbeiter zeigten. Hier spiegelten sich ansatzweise moderne rechtsstaatliche Vorstellungen. Deren Anwälte stießen freilich auf den entschiedenen Widerstand des Kreenholmer Generaldirektors Ernst Kolbe und seiner Firmenleitung, die staatliche Eingriffe in Firmenangelegenheiten strikt ablehnten.

Die Darstellung des vielschichtigen Konfliktes ergänzt Zelnik in zwei abschließenden Kapiteln durch die sorgfältig aufbereiteten und kommentierten Erinnerungen des Kreenholm-tekstil’scik Vasilij Gerasimov. Durch die emotionslose Beschreibung eines tristen Arbeiterlebens erhalten nicht nur die Ereignisse von 1872 zusätzliche Plastizität. Die Ausweisung Gerasimovs aus Narva und seine spätere politische Tätigkeit im nur 80 Kilometer entfernten St. Petersburg lenken zugleich den Blick auf die Entstehung jenes sozialen Zündstoffes, der letztlich für den Untergang des zarischen Gesellschaftssystems verantwortlich war.

Die Authentizität der Darstellung wird nicht verbessert durch stellenweise allzu lyrische Formulierungen („The occasion appeared in the form of an uninvited guest, an outside agitator whose name was Cholera“, S. 48), zahlreiche biographische Skizzen erfüllen diese Funktion besser. Ein Index und das (leider etwas knapp geratene) Literaturverzeichnis erleichtern die Benutzung des Bandes, der insgesamt einen anregenden und facettenreichen Einblick in die gesellschaftlichen Antagonismen innerhalb des autokratischen russischen Staates bietet. Zelniks Studie ist all jenen zu empfehlen, die sich mit der Wirkung und den Schwierigkeiten von Modernisierungsversuchen im Zarenreich abseits von allzu theoretischen Diskursen befassen wollen. 

Frankfurt am Main, Bernhard Chiari

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