Fröhlich, Michael: Geschichte Großbritanniens. Von 1500 bis heute, 237 S., Primus, Darmstadt 2004.

Der Markt für knappe deutschsprachige Einführungen in die englische beziehungsweise britische Geschichte scheint unersättlich zu sein. Gleich mehrere neue oder neubearbeitete Werke sind derzeit lieferbar, von der „Kleinen englischen Geschichte“ Michael Maurers über die „Englische Geschichte“ Hans-Christoph Schröders bis hin zur – allerdings eher forschungsgeschichtlich orientierten – Darstellung Wendes (ausführlicher siehe dazu NPL 48, 2003, S. 373–400). Diesen Werken gesellt sich nun Michael Fröhlichs knapp 200 Textseiten umfassende Schilderung in der vom Autor selbst herausgegebenen Reihe „Grundzüge“ des Primus-Verlages hinzu.

Das erste der acht Kapitel weist einige Betrachtungen zu Grundstrukturen der englischen Verfassungs- und Gesellschaftsentwicklung an der Wende zur Neuzeit auf, um von dort überzuleiten zur Erschütterung der Verhältnisse durch die Revolutionen des 17. Jahrhunderts. Ab dort entscheidet sich Fröhlich für eine weitgehend chronologische Vorgehensweise. Dabei beschränkt er sich keineswegs nur auf politische Entwicklungen, sondern bezieht auch Wirtschaft und „Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft“ (so eine Kapitelüberschrift) in seine Darstellung ein. Immer wieder werden Zitate aus literarischen Werken herangezogen, um die Anschaulichkeit der Schilderung zu erhöhen. Überzeugend ist auch das deutliche Bestreben, stets internationale und „imperiale“ Vorgänge im Blick zu behalten. Letzteres geht so weit, dass unter der Kapitelüberschrift „Aufstieg des Empire“ über 13 Seiten der amerikanischen Revolution gewidmet sind, die als „Herzinfarkt für die britische Politik“ (S. 67) interpretiert wird; die längste der im Buch abgedruckten Quellen ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung.

Der Durchgang durch die Geschichte Großbritanniens geht allerdings nicht einher mit einer durchgearbeiteten Systematik, die der Vielfalt der Themen einen festen Rahmen verleihen würde. In der Darstellung verschiedener Epochen treten jeweils unterschiedliche Elemente der britischen Geschichte hervor, entsprechend ihres Stellen- oder Neuigkeitswerts in der jeweiligen Zeit. So wird den Tudor- und frühen Stuartkönigen und -königinnen im Kapitel „Monarchen in ihrer Zeit“ relativ viel Raum eingeräumt, während die Herrscher späterer Zeiten weniger Aufmerksamkeit erhalten. Dabei hätte sich zum Beispiel eine ausführlichere Behandlung der Herrschaft Queen Victorias wegen ihrer hohen Bedeutung für die Definition der Rolle der Krone in der modernen Gesellschaft durchaus angeboten, zumal es gerade zu diesem Thema inzwischen eine ausgedehnte Literatur gibt. Der Hinweis auf „viel beachtete Jubiläen“ der Monarchin 1887 und 1897 (S. 141) bleibt da eher blass.

Insgesamt ist der Autor aber bemüht, einen Teil der einschlägigen neuen englischen und deutschen Forschungsliteratur unaufdringlich in seine Darstellung einfließen zu lassen. Dennoch gerät ein vom Umfang her knappes, inhaltlich aber beeindruckend breit angelegtes Werk, das viele Themen, Personen, Ereignisse anspricht, leicht in die Gefahr, passagenweise zu einer Art ausformuliertem Stichwortverzeichnis zu mutieren. Beispielsweise stellt der Autor anfangs des Kapitels „Politische Reformen“ knapp Jeremy Bentham, Benjamin Disraeli und Robert Owen vor. Nicht nur werden deren Gesellschaftsanalysen hier weitgehend gleichgesetzt mit den „großen Veränderungen in der Gesellschaft“ (S. 111), die schließlich in die Parlamentsreformen des 19. Jahrhunderts mündeten (hier wäre es vielleicht angemessener gewesen, statt ideengeschichtlicher Ausführungen direktere Hinweise zu den angesprochenen gesellschaftlichen Veränderungen zu geben); vor allem bleiben viele Sätze schlicht vage. So heißt es von Disraeli: „Seine Bücher propagierten Erneuerung. Disraeli stellte sich an die Spitze des Protestes und richtete die Speerspitze gegen die merkantile und städtische Mittelklasse“ (S. 110). Das ist einerseits satztechnisch klar geschrieben (eine große Stärke des Buches), andererseits aber von begrenzter Aussagekraft: Von wessen Protest ist die Rede? Was genau bedeutet „Erneuerung“? Für was steht die Metapher der „Speerspitze“? Disraelis Bücher? Seine Partei? Seine Politik? Letztlich müssen die Formulierungen gerade in einer knappen Darstellung sehr treffend gewählt sein, um keine falschen Leseeindrücke zu erzeugen. Kann man beispielsweise wirklich davon sprechen, in der frühen Neuzeit sei „der Staat“ für den König „fast persönlicher Besitz“ gewesen (S. 12)? Kann man für das Ende des Zweiten Weltkriegs schon davon sprechen, dass das Britische Empire „definitiv der Vergangenheit“ angehörte (S. 181) – zumal es offenbar erst 1970 „tot“ (S. 193) war? Was bedeutet eine Formulierung wie die, Peel habe „grundsätzlich hinter der Industrialisierung“ (S. 115) gestanden? Solche Sätze verlangen zumindest nach weiterer Diskussion oder Erläuterung. In solchen Fällen bieten immerhin fast 20 Seiten Anmerkungen und Literaturverzeichnis zahlreiche Ansatzpunkte, um zu einem vertiefenden Verständnis der Vorgänge zu gelangen. Der Band ist zudem dankenswerterweise ausgestattet mit Karte, geneaologischer Tafel, einigen Tabellen, Datenleisten zu Beginn eines jeden Kapitels und einer Reihe von Abbildungen, zudem dem ein oder anderen eingestreuten Quellentext.

 

Darmstadt, Detlev Mares

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