Zahlmann, Stefan/Scholz, Sylka (Hrsg.): Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgestaltung, 294 S., Psychosozial, Gießen 2005.

Eine wesentliche Aufgabe von Sachbüchern ist es, auf ein Problem überhaupt aufmerksam zu machen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es ein bestimmtes Problem gibt. In diesem Sinne ist der von Stefan Zahlmann und Sylka Scholz herausgegebene Sammelband „Scheitern und Biographie“ eine bemerkenswerte Publikation. Aus sehr unterschiedlichen disziplinären Perspektiven nehmen seine Herausgeber und Autor/innen das Phänomen des biographischen Scheiterns, in seinen individuellen und kollektiven Facetten, ins Visier. Scheitern nicht als simples Misslingen, sondern als existentielle Realerfahrung, als Verlust und Aufgabe persönlicher Zielvorgaben eines Lebens ist das Thema dieses Buches. Sein Aufbau gliedert sich in drei Teile: ‚Arbeit und Leistung‘, ‚Religion, Nation, Generation‘ und ‚Lob des Scheiterns. Einsichten und Aussichten‘. Obgleich nicht chronologisch strukturiert, sind die hier dargebotenen Fallbeispiele, die den Zeitraum vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart umspannen, so positioniert, dass sie dem Leser eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Wandel sozialer und kultureller Normen und somit auch biographischer Konzepte vermitteln. Eingeleitet werden die insgesamt 15 Beiträge durch eine originelle Reflexion Stefan Zahlmanns über das Scheitern im Kontext des ‚Sprachspiels‘, eines sprach-philosophischen Konzepts Ludwig Wittgensteins, dem zur Folge Sprache nicht ein Spiegelbild der Welt ist, sondern ihre eigene Ordnung hat und diese derselben aufzwingt. Ob und inwieweit ein Leben als gelungen oder gescheitert zu gelten hat, entscheidet letztlich das Reden hierüber. Als „wahrgenommene Differenz zum gelungenen Leben“ (S. 13) wird Scheitern hier nicht als anthropologische Konstante, sondern als historisch, kulturell, sozial und geschlechtsspezifisch bedingtes Konstrukt definiert. Der erste Teil entwickelt das Thema entlang einzelner Biographien und deren narrativer Darstellung auf dem Hintergrund ihrer zeitspezifisch historisch-kulturellen Wertvorstellungen. Andreas Bähr schildert das Schicksal Gotthold Friedrich Stäudlins, der sich im September 1796 selbst tötete, weil er, sich nicht in der Lage sehend „seine Existenz auf eine materiell abgesicherte Grundlage zu stellen“ (S. 38) moralisch versagt zu haben glaubte. Jürgen Herres und Regina Roths Interesse gilt der Biographie von Karl Marx, dem auch als Fünfzigjähriger der Weg in die materielle Unabhängigkeit nicht gelungen war. Nicht ins bildungsbürgerliche Konzept der Zeit, insbesondere der eigenen Familie, passte auch die Vita Sebastian Hensels, des einzigen Enkels des jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn, mit der sich Martina Kassel beschäftigt. Das „familiale Abseits“ (S. 98) ist Gegenstand des Aufsatzes von Renate Liebold, die sich mit der ‚Nachtseite‘ moderner männlicher Erfolgsbiographien auseinandersetzt. Gerd Dressels und Nikola Langreiters Thema ist das Scheitern von WissenschaftlerInnen, das durchaus generations- und geschlechtsspezifische Muster aufweist und innerhalb der scientific community eher als nicht besprechbar gilt. Claudia Dreke schließlich analysiert die Geschichte eines „Scheiterns [...] einer westdeutschen Verwalterin“ (S. 127) zu Beginn der neunziger Jahre in den neuen Bundesländern auf dem Hintergrund von „Fremd- und Selbstbildern“ (S. 128) im Kontext des geführten Ost-West-Diskurses. Die Beiträge des zweiten Teils des Sammelbandes offerieren dem Leser einen anderen Blickwinkel, indem sie den „Fokus des Scheiterns vom einzelnen Individuum zur Gruppe“ (S. 24) verlagern. So stellt etwa Gesine Carl die philosophischen Konzepte der beiden, aus dem ostjüdischen Milieu stammenden Konvertiten Christian Salomon Duitsch und Salomon Maimon, einander gegenüber und hinterfragt deren diametral entgegengesetzte Auffassungen vom Scheitern. Jürgen Reuleckes Augenmerk gilt den Vertretern der sogenannten ‚Jahrhundertgeneration‘ und ihrem „Umgehen mit Scheitern, Schuld und Versagen“ (S. 165) zur Zeit des ‚Dritten Reiches‘. Um ein ganz besonderes mentalitätsgeschichtliches Problemfeld des 20. Jahrhunderts geht es in dem Beitrag von Rainer Pöppinghege, der sich anhand von ‚Ego-Dokumenten‘ (Memoiren, Feldpostbriefen etc.) den Selbstbildern und -Darstellungen deutscher Kriegsgefangener des Ersten und Zweiten Weltkrieges zuwendet. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht die Gefangennahme als zeitlicher Fixpunkt individuellen oder kollektiven Scheiterns und der damit verbundene Rechtfertigungsdruck sich selbst und Dritten gegenüber. Männlichkeitsideale und deren Frakturen sind auch das Thema Christoph Kühbergers, der das Verhalten deutscher Kriegsgefangener nach 1945 in einem amerikanischen Internierungslager untersucht. Sein Interesse gilt der Frage, wie die im NS-Staat sozialisierten Soldaten auf den alternativen Männlichkeitsentwurf der Amerikaner reagierten. Das Interview Stefan Zahlmanns mit Sander L. Gilman schließlich lotet das Verhältnis des Mainstream der amerikanischen Kultur zum Scheitern in Literatur und Alltag aus. Der dritte Teil des Buches reflektiert die Chancen, die sich mit der Neubewertung biographischen Scheiterns für den Einzelnen ergeben. Scheitern als Möglichkeit individueller Weiterentwicklung ist die zentrale Aussage des Beitrages von Utz Jeggle, für den Misslingen lebensimmanent ist. Für ein ‚Lob des Scheiterns‘ plädiert auch Erhard Meueler und begründet dies anhand der eigenen Biographie. Erich Kästners „Fabian“ (1931) und Sven Regeners „Herr Lehmann“ (2002) sind Romane, die die Geschichten von Männern in Berlin erzählen, deren Leben den Anforderungen der Gesellschaft nicht genügen. Christian Klein identifiziert beide Texte als Beispiele für eine Literatur, die, obgleich sie individuelle Schicksale beleuchtet, immer auch die Krisen und Verwerfungen einer ganzen Gesellschaft in ihrer Zeit meint. Berlinspezifisch ist auch der Beitrag von Sylka Scholz über die ‚Show des Scheiterns‘ und den ‚Club der Polnischen Versager‘, zweier Projekte der Berliner Szene-Kultur, in denen es um die Profilierung einer Kultur des Legitimierens biographischen Scheiterns im Sinne Wittgensteins geht. Den Schluss ihrer Ausführungen widmet Sylka Scholz der Frage nach dem Verhältnis von Scheitern, Geschlecht und Öffentlichkeit, wie auch dem Benennen weiterer Problemhorizonte. Den Herausgebern ist ein konzentriertes, gehaltvolles und gut lesbares Buch gelungen, dessen wohlüberlegte Gliederung und dessen Verknüpfung von Beschreibung und Analyse sehr überzeugen.

Paderborn, Peter Respondek

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