Hans-Peter Raddatz: Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus. 352 S., Wolf Jobst Siedler-Verlag, Berlin 2007.

 

Bücher mit guten Absichten und wichtigem Anliegen müssen nicht immer gute Bücher sein. Antisemitismus von Muslimen inner- und außerhalb der islamischen Welt verdient kritische Aufmerksamkeit sowohl hinsichtlich seiner aktuellen Erscheinungsformen wie der ideengeschichtlichen Herleitung. Dazu legte jetzt Hans-Peter Raddatz die Studie „Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus“ vor. Der Autor ist promovierter Orientalist und Volkswirt und vertrat viele Jahre die Interessen von Banken und Unternehmen im Nahen Osten.
Seit 2001 legt Raddatz jedes Jahr ein Buch zum Thema Islam vor, durchaus von Erfahrung und Sachkenntnis geprägt, aber leider von Einseitigkeit und Rechthaberei überlagert. Dies gilt auch für sein hier anzuzeigendes Werk, das sich zurecht gegen eine Gleichsetzung von Islamkritik und Islamphobie wendet, daraus aber die Berichtigung für pauschale und undifferenzierte Bewertungen ableitet.
Zunächst aber zu Absicht und Inhalt des Buches, das drei Fragen nachgehen möchte, „nämlich 1. wie sich Antisemitismus im Islam gebildet und historisch entwickelt hat, 2. was europäischer Antisemitismus ist und wie er sich mit dem islamischen Antisemitismus verbünden konnte, um zum Motor der Islamisierung Europas zu werden, und 3. ob und welche Folgen der islamisch dominierte Weltbildwandel [...] für Israel und die Bevölkerung Europas hat“ (S. 10).
Das in fünf Kapitel aufgeteilte Werk ist historisch-chronologisch angelegt. Es beginnt mit einer kurzen Darstellung des „alten Israel“ der Zeit des „Alten Testaments“ bis zur Vertreibung durch die Römer. Danach geht Raddatz auf den Umgang mit den Juden in der Frühgeschichte des Islam bis zur Zeit der Reconquista ein. Muster des Antisemitismus in der christlichen und islamischen Welt von Mittelalter und Frühneuzeit stehen danach im Zentrum. Dem folgen Ausführungen zum arabisch-jüdischen Verhältnis in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und abgeschlossen wird der Band mit Ausführungen zum Antisemitismus bei Islamisten der Gegenwart.
Dies alles soll bezogen auf den islamisch importierten Antisemitismus belegen, „dass die laufende Islamisierung Europas und seine wachsenden Moscheennetze keine Zeitgeisterscheinung, sondern ein tiefgreifender Weltbildwandel von historischem Ausmaß sind“ (S. 10).
Raddatz kommt mit dem Buch das Verdienst zu, auf ein bislang immer noch zu wenig beachtetes Thema aufmerksam gemacht zu haben: den Antisemitismus unter Muslimen. Durchaus zutreffend widerlegt er in seinen historischen Ausführungen auch manche Legenden, wie etwa die von der islamischen Toleranz den Dhimmis (Schutzbefohlenen) gegenüber oder die Darstellung von Cordoba als Modell eines gleichrangigen Miteinanders unterschiedlicher Religionen. Damit enden aber schon die Vorzüge des Bandes, der aus formalen wie inhaltlichen Gründen allgemein enttäuscht und verärgert.
Zunächst einmal irritieren die historischen Darstellungen durch eine inhaltliche Verworrenheit, wobei die Kernpunkte nicht klar und sorgfältig herausgearbeitet werden. Dies gilt etwa für die Aussagen über den Umgang Mohammeds mit den jüdischen Stämmen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Raddatz kein Kenner der Antisemitismus-Thematik ist. Die diesbezügliche Forschung nahm er allenfalls marginal zur Kenntnis, was auch an der genutzten Literatur erkennbar ist. Bei den Ausführungen zu den „Protokollen der Weisen von Zion“ stützt der Autor sich etwa auf das fehlerhafte und oberflächliche Buch von Stephan Bronner, das Standardwerk von Norman Cohn taucht in seinem Literaturverzeichnis hingegen nicht auf.
Selbst beim inhaltlichen Kern seines Themas ignoriert der Autor zentrale Gesichtspunkte. So enthält sein Buch zwar einen eigenen Abschnitt über die Hamas, Aussagen zu den antisemitischen Inhalten ihrer Charta findet man darin aber nicht. Hier und da taucht auch der Name des wichtigsten islamistischen Ideologen Sayyid Qutb auf, eine Auseinandersetzung mit seiner zentralen antisemitischen Schrift „Unser Kampf gegen die Juden“ führt Raddatz noch nicht einmal ansatzweise.
Dafür wird jeder anders denkende Autor pauschal herabgewürdigt: Da ist von „klassischer Abwieglung“ (S. 71), „irreführenden Klischees“ (S. 11) oder „realitätsferner Harmoniesuche“ (S. 82) die Rede. Nur Raddatz selbst liegt wohl richtig, alle Anderen machen sich offenbar zum Wegbereiter der Islamisierung Europas. Ähnlich wie Islamisten jede Kritik als „Islamphobie“ bezeichnen und sich damit von ihr abschotten, polemisiert der Autor in Richtung Andersdenkender mit den Vorwürfen der Blindheit und Naivität gegenüber den Bedrohungen.
Offenbar hält Raddatz alle Muslime für Antisemiten, spricht er doch davon, dass das Massaker von Medina „zum Vorbild für Muslime“ (S. 54) wurde und das Eintreten für den Islam „das Eintreten in eine antisemitische Heilsgemeinschaft“ (S. 229) bedeute. Hier führen Ressentiments und Verallgemeinerungen doch zu schiefen Bildern. Gleichwohl bleibt es wichtig, auf den Antisemitismus unter Muslimen aufmerksam zu machen – aber bitte differenzierter, kenntnisreicher und seriöser!

 

Swisttal, Armin Pfahl-Traughber

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